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Illegales Referendum geplant : Die Katalanen wollen gefragt werden

Katalanen sind gespalten

Junqueras’ Büro hält auf Nachfrage dieser Zeitung an den eigenen Zahlen fest. Spaniens Steuerpolitik gegenüber Katalonien sei „zutiefst ungerecht“. Die Wahrheit ist noch komplizierter. Denn die katalanische Gesellschaft selbst ist gespalten. Wem sie Glauben schenkt, ist vor allem Glaubenssache. Schriftsteller wie Juan Marsé oder Eduardo Mendoza etwa lehnen die Unabhängigkeit ab.

Nur noch die Unabhängigkeit im Kopf? Die Katalanen sind gespaltener Meinung.

Der Tenor Josep Carreras dagegen hat sich als Anhänger geoutet. Die Spanienkennerin Michi Strausfeld fürchtet, die versprochene Unabhängigkeit werde „wirtschaftlich ein Eigentor“, schon jetzt reduziere sie die Kultur auf „Kirchturmpolitik“. Der Anthropologe Albert Sánchez Piñol wiederum hat der Eroberung Barcelonas durch die bourbonischen Truppen im spanischen Erbfolgekrieg am 11. September 1714 gleich einen ganzen Roman gewidmet: „Victus“.

Konflikt wird sich verschärfen

Die Zahlenmystik des 11. September 1714 ist tief in den Alltag der Katalanen eingesickert. Der 11. September, der Tag der Niederlage, ist seit 1980 offizieller katalanischer Feiertag. An diesem Tag, der sogenannten „Diada“, wird auch dieses Jahr mehr als eine Million Menschen demonstrieren und nach Unabhängigkeit rufen. Auch im Stadion Camp Nou skandieren die Fans des FC Barcelona nach 17 Minuten und 14 Sekunden jedes Heimspiels wie ein Mann „Independéncia!“.

Der Politikwissenschaftler Ferran Requejo von der Universität Pompeu Fabra wusste also genau, was er tat, als er seinem Buch mit Zeitungskolumnen den Titel „Der Zug um 17:14“ gab: Er will den Lesern zeigen, was auf dem Spiel steht. Er schenkt uns den Band bei unserem Treffen in einem Café im Zentrum. Für Requejo ist Spanien plurinational, wie Kanada oder Belgien. Die spanische Verfassung spiegele das nicht wider. Nach dem Vertrag von Maastricht, so erzählt er, habe er einmal an das „Europa der Regionen“ geglaubt. Doch dann starb die Hoffnung auf ein besseres Autonomiestatut für Katalonien. Requejo zeigt uns Tabellen und Diagramme: Die Leute fordern das Referendum. Es werden immer mehr. Wie soll diese Bewegung verschwinden? Er weist auf ein Schema, das er selbst erarbeitet hat: Was passieren könnte, wenn beide Seiten stur bleiben und ihr Ding durchziehen. Lustig wird es nicht werden. Spanien könnte sogar Kataloniens Autonomie aufheben. Die Justiz, aber auch katalanische Polizei müsste gegen die Durchführung des Referendums vorgehen. Ein Albtraum. Einer, der Tag um Tag näher kommt.

Katalonien muss an eigenen Kompetenzen arbeiten

Nachspiel in Berlin. Artur Mas, bis 2015 Ministerpräsident Kataloniens, ist da. Er wirbt für ein Referendum, dessen Triumph (oder Scheitern) jüngere Politiker als er einfahren werden. Nicht nur Mas, sondern mehrere traditionelle Parteien Kataloniens sind von der Unabhängigkeitsbewegung hinweggefegt worden. Neue Bündnisse sind entstanden, die alten politischen Frontlinien scheinen nicht mehr zu gelten. Übrig blieben Carles Puigdemont als Ministerpräsident und Oriol Junqueras als sein Vize. Am Dienstag, dem 4. Juli, wollen sie die „technischen und juristischen Details“ zum geplanten Referendum bekanntgeben. Es soll „Garantien“ geben. Dann werden sich Verfassungsjuristen, Politiker, Talkshows und Leitartikler darauf stürzen. Und die heiße Phase beginnt.

Auf dem Berliner Podium wiederholt Artur Mas den verführerischen Satz, ein unabhängiges Katalonien werde „das Dänemark des Südens“ werden. Beifall. Wie das denn gehen solle, fragen wir ihn unter vier Augen. Dänemark sei auch deswegen so erfolgreich, weil die Menschen mehrere Fremdsprachen beherrschten, und Katalonien habe das kümmerliche Fremdsprachenniveau seiner Universitäten immer noch nicht angehoben, obwohl davon seit mehr als zehn Jahren die Rede sei. Mas widerspricht nicht, sondern nickt. Ja, sagt er wie ein Mann, dem man mit der schmerzlichen Wahrheit kommen kann. Ja, daran müsse gearbeitet werden.

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