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Karikaturenstreit : Die Mörder sind los

Im Februar: Heißer Protest gegen die Karikaturen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Zwölf Attentäter sollen auf dem Weg nach Dänemark sein, um die Zeichner, die für die „Jyllands-Posten“ Mohammed karikierten, zu töten. Den Mördern winkt ein Kopfgeld von einer Million Dollar.

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          Vielleicht wäre die Rezeption des islamistischen Terrors in unserem Lande eine andere, wenn nicht der 11. September in New York das große Datum wäre, sondern die Weihnachtstage 2000 an der deutschen Grenze.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Damals vereitelte der französische Geheimdienst einen Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt. Eine Gruppe von Islamisten war kurz davor loszuschlagen. Die vier Täter stammten aus Algerien und planten ihr Attentat von Frankfurt am Main aus. Hätte die Polizei sie nicht rechtzeitig gefaßt, wäre die Zahl der Opfer unüberschaubar gewesen; eine 6,25 Kilogramm schwere Splitterbombe hatten die Islamisten vorbereitet. Hätten sie diese gezündet, stünde am Beginn der Reihe der vom Terror heimgesuchten Städte nicht New York vor Madrid und London, sondern Straßburg und als Planungsort des Terrors neben Hamburg - Frankfurt.

          Nicht allein ein dänisches Thema

          Dann wäre uns der Terror im Bewußtsein vielleicht auch so nahe, wie er es tatsächlich ist. Und es wäre vielleicht klarer, daß der „Karikaturenstreit“ um die Veröffentlichung von zwölf satirischen Zeichnungen des Propheten Mohammed in der Zeitung „Jyllands-Posten“ nicht allein ein dänisches Thema ist. Es ist ein Thema für die ganze - vor allem die arabische - Welt. Und es ist eines, das nicht vergeht und von denen, die es betreiben, bis zu einem möglichst bitteren Ende verfolgt wird.

          Dieses Ende hat sich im Frühjahr angedeutet, nachdem eine Delegation dänischer Muslime in Kairo und in Beirut um Beistand im Karikaturenstreit nachgesucht hatte. In einem islamischen Land nach dem anderen kam es zu gezielt gesteuerten Protesten und Ausschreitungen mit Toten und Verletzten, auch in Afghanistan und im Norden Pakistans, in dem die Taliban an der Regierung sind. Es wurden Kopfgelder für die Ermordung der dänischen Karikaturisten ausgesetzt, das höchste lobte die Vereinigung der Goldschmiede in der pakistanischen North West Frontier Provinz aus - eine Million Dollar.

          Wie bei Theo van Gogh

          Und diese Summe will sich ein Kommando von zwölf gedungenen Mördern offenbar verdienen, das nach Informationen des aus dem Libanon stammenden amerikanischen Journalisten Joseph Fahar gen Dänemark aufgebrochen ist, um mit den Karikaturisten so zu verfahren wie mit dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh, der am 2. November 2004 in der Innenstadt Amsterdams auf grausame Weise auf offener Straße ermordet wurde. Nachzulesen ist Farahs Information auf seiner Website „G2 Bulletin“. Demnach befinden sich die zwölf jungen Männer, ausgestattet mit iranischen und afghanischen Pässen, schon auf dem Weg nach Europa. Farah, dessen Website von Geheimdiensten als seriös bewertet wird, beruft sich auf einen pakistanischen Kollegen, der die Information von Taliban-Rebellen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet erhalten haben will.

          Für die „Jyllands-Posten“ ist diese Bedrohung seit Beginn des Karikaturenstreits Ende Oktober des vergangenen Jahres - leider - der Normalfall. Die ersten Morddrohungen erhielten die Karikaturisten unmittelbar nach der Veröffentlichung, unter anderem aus Mekka und von einer islamistischen Organisation aus Pakistan. Die Zeichner leben seither unter Polizeischutz. In den letzten Wochen seien wiederholt Drohungen gegen die Zeitung ausgesprochen worden, berichtet der Chefreporter der „Jyllands-Posten“, Kim Hundevadt, im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Unter dauerhafter Bedrohung

          Insofern sei die Meldung von dem Mordkommando nicht überraschend und werde von dem einen oder anderen auch nicht als allzu beunruhigend empfunden, in der Hoffnung, daß die potentiellen Attentäter schon irgendwie abgefangen würden. Doch könne man die Angelegenheit nicht ernst genug nehmen. „Für die Karikaturisten ist das sehr hart, unter dieser dauerhaften Bedrohung leben zu müssen“, sagt Hundevadt. Er beendet gerade die Arbeiten an einem Buch, das unter dem Titel „Der Provokateur und der Prophet“ die, wie man es in Dänemark nennt, „Mohammed-Krise“ analysiert. Hundevadt will die zugespitzte Situation, die Dänemarks Politik und Gesellschaft gefangenhält, nicht kommentieren, aber analysieren, wer auf seiten der dänischen Muslime, der Politik und der Wirtschaft was wann getan hat, um zu dieser Krise beizutragen - welche die Veröffentlichung seiner Zeitung freilich ausgelöst hat.

          Dabei hat sich der Konflikt längst verselbständigt. Die Karikaturen sind für die Islamisten zu einem Symbolbegriff geworden wie die Gewaltakte in Abu Ghraib, dem amerikanischen Gefängnis im Irak. So und nicht anders, hämmern die Propagandisten von Al Qaida ihren Anhängern vor allem über das Internet ein, sehe und behandle der Westen die Muslime. Was den Amerikanern Irak und Afghanistan, sind nicht nur den Dänen, sondern gerade den Europäern, die nicht zur Koalition der Willigen zählen, die Karikaturen. Wer immer für die Karikaturisten eintritt, der wird als Feind des Islams deklariert. Insofern hat es eine besondere Bewandtnis, daß Usama Bin Ladin in seiner letzten Terrorbotschaft fordert, man müsse die Karikaturisten an Al Qaida ausliefern, damit sie von seinen Leuten „gerichtet“ werden.

          Die zwölf Attentäter, die nun unterwegs sind, wissen, daß sie im Sinne ihres „Emirs“, des Terrorpaten Bin Ladin, handeln. Doch sie sind nur die Speerspitze einer radikalen Bewegung, die mehr als zwölf Menschen bedroht und der für ihr Ziel, das in nichts anderem als der Unterwerfung des Westens besteht, jedes Mittel und vor allem so viele Opfer wie möglich recht sind.

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