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Karfreitagsfürbitte : Das Wann und Wie entscheidet Gott

  • -Aktualisiert am

Fürbitte auch für die Juden? Messe im Petersdom Bild: dpa

Seit der Papst für die lateinische Messe eine neue Karfreitagsfürbitte verfasst hat, ist der katholisch-jüdische Dialog gefährdet. Nur eine ehrliche Auseinandersetzung hilft weiter.

          Jüngst hat Papst Benedikt XVI. für den von ihm rehabilitierten „außerordentlichen“ Ritus, das Römische Messbuch von 1962, die Karfreitagsfürbitte für die Juden neu formuliert. Das war notwendig, weil einige alte Formulierungen von jüdischer Seite als beleidigend und auch von vielen Katholiken als anstößig empfunden wurden. Freilich haben die neuen Formulierungen auch zu neuen Irritationen geführt und sowohl bei Juden wie bei manchen Christen grundsätzliche Fragen aufgeworfen.

          Die Irritationen sind auf jüdischer Seite weithin nicht rational, sondern emotional begründet. Man sollte sie jedoch nicht als Ausdruck von Überempfindlichkeit abtun. Auch bei jüdischen Freunden, die seit Jahrzehnten in intensivem Gespräch mit Christen stehen, sind kollektive Erinnerungen an Zwangskatechesen und Zwangsbekehrungen noch lebendig. Die Erinnerung an die Schoa ist für das heutige Judentum ein traumatisches, gemeinschaftsstiftendes Identitätsmerkmal. Judenmission betrachten viele Juden als existenzbedrohend; manchmal sprechen sie gar von einer Schoa mit anderen Mitteln. So bedarf es im jüdisch-christlichen Verhältnis noch immer eines hohen Maßes an Sensibilität.

          Das Heil aller Menschen

          Beachtung verdient indes die Tatsache, dass die Karfreitagsfürbitte des Römischen Messbuchs von 1970, also des „ordentlichen“ Ritus, nicht verändert wurde. Das zeigt, dass die Kirche mit der neuen Formulierung nicht hinter „Nostra aetate“, die die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen enthält, zurückgeht. Das gilt umso mehr, als die Substanz von „Nostra aetate“ auch in der formal höherrangigen Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ enthalten ist und darum grundsätzlich nicht zur Disposition steht. Außerdem hat es seit dem Konzil eine große Zahl von Stellungnahmen, auch des gegenwärtigen Papstes, gegeben, die auf „Nostra aetate“ Bezug nehmen und die Bedeutung dieser Erklärung bestätigen.

          Im Unterschied zu der Karfreitagsfürbitte von 1970 spricht die Neuformulierung der Bitte von 1962 von Jesus als dem Christus und dem Heil aller Menschen - also auch der Juden. Viele haben diese Aussage als neu und gegenüber den Juden als unfreundlich empfunden. Doch sie ist im Ganzen des Neuen Testaments begründet und weist auf den allseits bekannten, für Christen wie für Juden bleibend grundlegenden Unterschied hin. Auch wenn dieser in „Nostra aetate“ nicht direkt erwähnt wird und in der Fürbitte von 1970 nicht ausdrücklich vorkommt, so kann die „Erklärung“ ebenso wenig aus dem Zusammenhang aller Konzilsdokumente herausgelöst werden wie die Karfreitagsfürbitte des Missale von 1970 aus dem Ganzen der Karfreitagsliturgie, die ebendiese christliche Glaubensüberzeugung zum Inhalt hat. Die Neuformulierung des Karfreitagsgebets von 1962 sagt also nichts Neues, sondern spricht nur aus, was schon bisher als selbstverständlich vorausgesetzt, aber offensichtlich nicht hinreichend thematisiert wurde.

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