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Gespräch mit Naomi Klein : Die Entschlossene

  • -Aktualisiert am

„Wir müssen unser System verändern“, sagt die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein Bild: Ullstein

Die Emissionen müssen sinken, die Marktmacht muss beschnitten werden: Naomi Klein über Klima und Kapitalismus – und über die Frage, weshalb sie sich nicht gegen die Gewalt bei den Blockupy-Kundgebungen ausgesprochen hat.

          Nach der Lektüre Ihres 700-Seiten-Buchs ist man überwältigt von den katastrophalen Folgen des Klimawandels, ist schockiert und besorgt, will sich sofort dagegen engagieren. Zugleich kommen Sie zu dem Fazit, dass alle bisherigen Strategien mehr oder weniger versagt haben. Wo fängt man also an?

          Sie möchten von mir eine Art Zehn-Punkte-Plan?

          Egal, wie viele. Sie schreiben, dass uns nur noch zehn Jahre bleiben, um das Ruder herumzureißen und treten gleichzeitig dafür ein, dass sich weltweit eine soziale Massenbewegung formen muss, die, um das Klima zu retten, einen tiefgreifenden Wandel von Wirtschaft sowie politischer und gesellschaftlicher Kultur vorantreibt.

          Die Erderwärmung nimmt dramatisch zu. Was mit dem Klima, mit unserer Umwelt geschieht, ist Realität und an der Beschaffenheit unserer Welt können wir nichts verändern. Also müssen wir unser System verändern.

          Ist es überhaupt noch möglich, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich die Staatengemeinschaft jahrelang zum Ziel gesetzt hat?

          Mit dem jetzigen System sind zwei Grad sehr unrealistisch, aber physikalisch ist es nicht unmöglich.

          Damit wären wir wieder bei dem Plan. Was muss geschehen, damit es gelingt?

          Weltweit und ab sofort müssten die Emissionen um sechs Prozent gesenkt werden. Europa und die USA - kurz gesagt: die reicheren Länder - müssten mit acht bis zehn Prozent Einsparung pro Jahr mehr Belastung übernehmen. Und entscheidend ist, dass der Wandel von Wirtschaft sowie politischer und gesellschaftlicher Kultur gerecht vollzogen wird.

          Was heißt das?

          Die Macht des Marktes muss schrumpfen. Wir müssen unseren eigenen Überkonsum beschränken, denn ein hoher Anteil der Kohlenstoffverbrennung in China dient der Erzeugung überflüssiger Dinge für uns. Weltweit müssen Regierungen strenge Produktionsvorschriften für Konzerne formulieren - auch wenn Regulierungen jeder Art inzwischen regelrecht zum Tabu geworden sind ...

          ... Wird es da nicht schon illusorisch?

          Es hat sich einfach gezeigt, dass der Markt das Klimaproblem nicht lösen wird, was lange Zeit angenommen wurde.

          Auch von Klimaschützern.

          Das macht die Annahme trotzdem nicht richtig. Es müssen neben der Regulierung des Marktes und einer vernünftigen Rückführung unserer Produktion ins eigene Land erheblich mehr Arbeitsplätze in grünen Technologien entstehen und auch in den Bereichen Erziehung Kunst und Pflege. Der stärkste Hebel für einen Wandel sowohl im Norden als auch auf der südlichen Hemisphäre wird die Konzipierung positiver, praktikabler und konkreter Alternativen zu einer schmutzigen Entwicklung sein, bei der niemand entscheiden muss zwischen höherem Lebensstandard und Verzicht auf giftige Rohstoffförderung. Von der Universität Stanford gibt es eine wegweisende Studie, was genau zu welchem Zeitpunkt geschehen soll. Wenn Menschen eine Veränderung als gerecht empfinden, werden sie diese akzeptieren, im besten Fall auch dafür kämpfen.

          Das klingt immer noch sehr allgemein.

          Sie möchten Beispiele.

          Ja.

          In den Vereinigten Staaten zeigt die bewundernswerte und kluge Organisation „our power campaign“ wie die Verantwortung für Energieproduktion in die Kommunen zurückgeführt werden kann.

          Die Stanford-Studie ...

          ... beschäftigt sich unter anderem damit, wie für Arbeiter aus der Erdölindustrie neue Stellen in grünen Technologien entstehen können. An diese Ansätze kann man anknüpfen. Und wir haben gerade eine echte Chance, denn nachdem der Ölpreis so stark abgestürzt ist, werden hunderte und tausende Arbeiter in der Erdölindustrie entlassen. Mit einem Mal sind also die Gewerkschaften offener für Gespräche - die Arbeiter könnten nach Umschulungen Stellen in grünen Technologien finden...

          Die müssten aber erst geschaffen werden.

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