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Gespräch mit Naomi Klein : Die Entschlossene

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Was glauben Sie, warum fällt es Menschen so schwer, den Klimawandel zu stoppen, trotz dramatischer Prognosen überhaupt an der Problematik dranzubleiben?

Vielleicht handeln wir deshalb nicht, weil wir von unserer Sorge regelrecht überwältigt sind. Und dann ist es ja auch so, dass es sich um eine schleichende Krise handelt. Nicht von einem Tag auf den anderen sind alle Konsequenzen erkennbar. Die Krise ist aber da.

Sie haben am 18. März, als die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main ihr neues Gebäude eröffnete, im Rahmen der Blockupy-Kundgebungen eine Rede über den Klimawandel, Austerität und Demokratie gehalten. Wie bewerten Sie die Ereignisse des Tages?

Dass so viele Menschen für die Kundgebungen zusammenkamen, gerade jetzt, da Griechenland und Deutschland so angespannt verhandeln, ist ein wichtiges Signal an die Regierungen. Sehr bedauernswert, dass die Medien darüber so viel weniger berichtet, die Inhalte der Veranstaltung kaum wiedergegeben und sich vor allem auf die gewaltsamen Ausschreitungen konzentriert haben. Was letztere angeht: Das ist fraglos nicht die Vorgehensweise, die ich befürworte.

Warum haben Sie die Gewalt nicht verurteilt, als Sie auf der Bühne waren?

Wissen Sie, es ist eine sehr spezielle Situation als Rednerin aus dem Ausland während einer Veranstaltung nur so kurz anwesend zu sein. Die Rolle der Kritiker fällt den Organisatoren zu.

Ist das nicht eine sehr starre Sichtweise? Gerade Ihre Stimme hätte man sich doch gewünscht, die in den letzten Jahren den Diskurs über ein globalisiertes Verantwortungsgefühl stark beeinflusst hat.

Ich bin nicht einverstanden gewesen, das möchte ich noch einmal sagen - und wer nur einen Funken Recherche aufbringt, kann über die Jahre zurückverfolgen, dass ich für friedliche Demonstrationen und gewaltfreien zivilen Ungehorsam eintrete. Ich verstehe, dass Sie denken, es wäre richtig gewesen, die Ausschreitungen in Frankfurt zu kritisieren, aber ich habe genug Erfahrungen mit Aktivistenbewegungen um zu wissen: Meine Kritik zu diesem Zeitpunkt hätte die Leute weiter aufgehetzt.

Warum?

Sie wäre als Pose für die Medien wahrgenommen worden.

Ist das nicht eine Bankrotterklärung, dass man sich nicht frei und jederzeit äußern kann? Zumal ein Aufruf gegen Gewalt ja letztlich auch absolut im Interesse derer ist, die sie ausüben. Selbst wenn die nicht sofort zustimmen würden. Die Überzeugung, dass die traditionellen Mittel des Protests unwirksam geworden seien, weil der Kapitalismus gelernt habe, auch den Protest zu integrieren und man im bestehenden System nichts mehr verändern könne, führte Anfang der Siebziger Jahre in Deutschland dazu, dass aus Demonstranten Terroristen wurden.

Mir ist Ihr Argument keinesfalls egal. Natürlich sehe ich die Risiken, sehe, was geschehen kann, wenn man den falschen Weg weitergeht. Aber ich kann nur wiederholen: Meine Kritik hätte in diesem Moment nichts Gutes bewirkt. Das ist die Entscheidung, die ich getroffen habe. Bei Veranstaltungen, an deren Organisation ich beteiligt bin, handele ich anders.

Warum haben Sie für Ihr Buch keine andere Marketingstrategie gewählt? Hätten Sie nicht Klimaexperten rund um die Welt über das Buch sprechen lassen können, statt selbst Langstrecken-Flüge anzutreten, deren Konsequenzen für das Klima Sie verurteilen?

Ich habe darüber nachgedacht, aber diese Reise war mir auch wichtig, weil ich hier zusätzlich recherchieren möchte. Seit sieben Jahren bin ich zum ersten Mal wieder in Deutschland und reise dann weiter nach Spanien und Frankreich. Grundsätzlich habe ich meine Reisen zu Konferenzen stark eingeschränkt, schalte mich per Skype dazu. Das funktioniert immer besser. Diese Pressereise wird wahrscheinlich die letzte sein, bei meinem nächsten Buch mache ich die komplette Pressearbeit virtuell.

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