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Gespräch mit Naomi Klein : Die Entschlossene

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In den USA wird dies nur geschehen, wenn eine soziale Bewegung von unten Druck macht. Demokraten und Republikaner werden von den mächtigen Energiekonzernen finanziert. Da gibt es gar keine andere Möglichkeit, als dass eine Bewegung aus der Bevölkerung auf einer Umstellung auf einhundert Prozent erneuerbare Energien beharrt - und dieser Wandel muss bis 2020, spätestens 2030 geschehen.

Noch einmal: Ist es nicht illusorisch, davon auszugehen, dass ein so radikaler Wandel in den nächsten zehn Jahren stattfindet? Macht die Verknüpfung von Kapitalismuskritik und Klimaschutz das Ganze nicht erst Recht kompliziert?

Vergessen Sie nicht: In den letzten 150 Jahren wurden alle tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen wie die Bürgerrechte, die Abschaffung der Sklaverei oder die Gleichberechtigung von Frauen von sozialen Massenbewegungen nach sich gezogen. Und was die Verknüpfung der Themen angeht ...

... Kritiker werfen Ihnen vor, das Thema Klimawandel in Ihrem neuen Buch nur dafür zu nutzen, den Kapitalismus erneut zu verurteilen.

Das ist eine sehr eigenwillige Art zu kritisieren, oder? Man wirft mir intellektuelle Beständigkeit vor. Und dann, ich würde nur so tun, als interessiere ich mich für den Klimawandel. Die Wahrheit ist: Zahlen lügen nicht, es gibt eine enge Verbindung zwischen den Themen.

Bitte erklären Sie das.

Rund um den Globus gibt es Abkommen, die es Unternehmen ermöglichen, zu billigsten Konditionen in einem Land ihrer Wahl zu produzieren. Darum geht es in meinem ersten Buch „No Logo“. Aber nicht nur die Arbeitskraft kann man zu billigsten Konditionen haben sondern auch die Energie. Es war mein Fehler ebenso wie der von Umwelt- und Klimaschutzbewegungen, diese Verbindung so lange zu übersehen. Man kann es indes genau zurückverfolgen: In den Neunziger Jahren stiegen die Emissionen um ein Prozent pro Jahr, vom Jahr 2000 an im Schnitt um 3,4 Prozent. Wenn jemand mit mir über die Zahlen diskutieren möchte, bitte, sehr gerne. Aber zu behaupten: Sie mochte den Kapitalismus schon vor diesem Buch nicht, das ist nicht wirklich die Antwort auf die Fragen, die ich aufwerfe.

Sie sind verärgert.

Nein, aber es sind doch seltsame Zeiten. Präsident Obama wird wegen seiner Gesundheitsreform als Sozialist beschimpft. Mich stellen Kritiker als feuerspuckende Radikale dar, weil ich - übrigens durch und durch von Demokratie überzeugt - gegen ein System bin, in dem der Markt die Politik bestimmt.

Also, zurück zur ersten Frage. Wo fange ich an?

Sie sind Journalistin.

Lassen wir das außen vor und gehen von einem Szenario aus, das auf jedermann anwendbar ist.

Genau damit liegen Sie falsch. Noch vor ein paar Jahren sah es so aus, als reiche es, wenn wir alle Dasselbe täten: Sorgsam auf Recycling setzen, Fahrrad fahren, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, statt dem Auto und Briefe an Politiker schreiben, in denen wir eine umweltfreundliche Politik fordern. Das genügt nicht.

Was dann?

Man muss sich überlegen wie man den Wandel in seinem eigenen Umfeld und mit den zur Verfügung stehenden Kräften vorantreiben kann. Dazu gehört sicher, zu überlegen: Wo kann ich mich engagieren, beständig Druck auf Politiker ausüben? In Ihrem Fall spielt aber natürlich auch der Beruf eine Rolle. So wie es bei einem Unternehmer der Fall wäre - und die Liste ließe sich leicht weiterführen. Schauen Sie nach England: Der „Guardian“ hat jeden Tag eine Geschichte über den Klimawandel auf der Titelseite. Bis zu Alan Rusbridgers Ausscheiden als Chefredakteur wird die Zeitung diese Gewichtung beibehalten, das hat er so entschieden. Als Journalist hat man Macht, kann die Krise ausrufen. Das können nicht nur Politiker.

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