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Zukunft des Kapitalismus : Retter, die alles noch schlimmer machen

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Was lange als Leistungsstärke der Finanzwirtschaft gelobt wurde, zeigte in der Krise sein wahres Gesicht. Der Verwilderung der Bankenbranche ist nur mit einer Neuordnung des globalen Währungssystems beizukommen.

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          Die gegenwärtige Finanzkrise fällt aus jedem Rahmen. Sie ist nicht nur schwerer als die letzte, die vor achtzig Jahren begann, sondern auch anders. Denn sie geht nicht von maroden Firmen aus, die ihre Financiers in den Abgrund reißen, sondern von den Financiers selbst. Spitzeninstitute der Weltfinanz haben sie ausgelöst und übertragen sie nun auf Unternehmen, denen ihre Kreditabhängigkeit zum Verhängnis wird. Vor achtzig Jahren hatte der Zusammenbruch des Kreuger-Konzerns, der das Welt-Zündholzmonopol anstrebte, eine weltweite Kettenreaktion von Bankinsolvenzen ausgelöst. Diesmal zwingt die Angst vor dem Zusammenbruch der organisierten Kreditversorgung den Staat dazu, eine Krise zu bekämpfen, die nicht er verschuldet hat, sondern jene, die immer vor der Politik gewarnt haben, die sie heute ultimativ verlangen: die Wirtschaft mit Geld zu überschwemmen, die Grenzen des Staatskredits zu überschreiten und die öffentliche Hand zum Großaktionär der Volkswirtschaft zu machen.

          Überdies schwelt parallel zur Finanzkrise eine Währungskrise, genauer eine der westlichen Leitwährung, des US-Dollars. Er befindet sich seit mehr als drei Jahrzehnten auf Talfahrt, was aber – seltsam genug – seine weltweite Verbreitung und Dominanz kaum gemindert hat. Erst seit dem gescheiterten Weltwirtschaftsgipfel vom letzten April in London werden die Stimmen lauter, die auf seine Ablösung als Reservemedium der Zentralbanken dringen. Doch nicht der Euro soll ihn ersetzen, sondern ein monetäres Neutrum, die 1969 aus der Taufe gehobenen, seitdem jedoch ein Liliputanerdasein fristenden Sonderziehungsrechte (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF).

          Zur zweiten kranken Weltwährung degradiert

          Verstärkt wird die Krise drittens durch die Gemeinschaftswährung der Europäer, den Euro. Auch wenn ihn die Politik unermüdlich als „sicheren Hafen“ anpreist, lässt sich nicht mehr verschleiern, dass ihn zwölf von sechzehn Mitgliedern der Währungsfamilie als Mittel innenpolitischer Finanzierungsexzesse gröblich (und vorsätzlich) missbraucht und diskreditiert haben. Statt die vertraglich festgeschriebene „Konvergenz“ in der Wirtschafts- und Finanzpolitik der Mitgliedsstaaten herbeizuführen, war er der Blankoscheck, der ihr Auseinanderdriften ermöglichte. Eine Dreiviertelmehrheit der Euro-Staaten leistete sich jahrzehntelang, gestützt auf die dem Euro als „zweiter DM“ zugeschriebene Stabilitätsvermutung, Leistungsbilanzdefizite, die in Relation zu ihrer Wirtschaftskraft sogar die der Vereinigten Staaten übertreffen.

          Wilhelm Hankel (2. v. r.) mit den anderen Klägern gegen die Einführung des Euro im Januar 1998 vor dem Bundesverfassungsgericht
          Wilhelm Hankel (2. v. r.) mit den anderen Klägern gegen die Einführung des Euro im Januar 1998 vor dem Bundesverfassungsgericht : Bild: picture-alliance / dpa

          Spitzenreiter in diesem für Europa selbstmörderischen Rennen sind Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien, gefolgt von Frankreich. Die Europäische Zentralbank (EZB) war nicht in der Lage, sie daran zu hindern. Doch die von außen einbrechende Globalkrise erzwingt nun den Offenbarungseid: Wegen überdimensionierter Auslandsverschuldung stehen alle defizitären Euroländer vor oder bereits mitten im Bankrott von Banken und Staat und können nur noch auf eines hoffen: ihre Auslösung durch Gemeinschaftsaktionen. Doch dafür sind die Aussichten düster: Die Euro-Zone wird nach dem Zusammenbruch der Gläubigerpositionen Deutschlands, der Niederlande, Österreichs und Finnlands von 2009 an ein den Vereinigten Staaten vergleichbares Leistungsbilanzdefizit aufweisen. Dieses degradiert den Euro zur zweiten kranken Weltwährung neben dem US-Dollar – oder zur dritten und vierten, nimmt man Yen und Pfund Sterling dazu.

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