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Zukunft des Kapitalismus (4) : Die Firma ist eine Zumutung

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Ist der Kapitalismus reformierbar? Man kann den Virus der Gewinnorientierung nicht abschaffen, sondern durch Einbettung und Rahmung nur zähmen wollen. Der Soziologe Dirk Baecker über die Zumutungen kapitalistischen Wirtschaftens und die Tugend, die ihn beherrschbar macht.

          Der Kapitalismus ist jenes Wirtschaftssystem, das Eigentümer auffordert, sich als Schuldner in eigener Sache zu betrachten. Sollte jemand auf die Idee kommen, Güter oder Dienstleistungen zu produzieren, die man mit Aussicht auf Gewinn abzusetzen erwartet, muss das dazu aufgewendete Vermögen als ein Kredit betrachtet werden, den man bei sich selbst aufnimmt und an sich selbst auch wieder zurückzuzahlen hat. Sollte der Gewinn aus dem Absatz der eigenen Produktion geringer sein, als andere mit demselben Vermögen und besseren Ideen erzielen können, liegt es in der Natur der Sache, sein Vermögen diesen anderen zur Verfügung zu stellen, sie damit wirtschaften zu lassen und sich aus dem höheren Gewinn den Kredit bezahlen zu lassen.

          Mit anderen Worten, der Kapitalismus ist eine Zumutung. Er ist eine intellektuelle Zumutung, denn wer steigt nicht bereits nach diesen wenigen Sätzen aus und hört auf mitzurechnen, weil die sachliche, zeitliche und soziale Komplexität sich als Überforderung darstellt? Es geht um eine riskante Produktion, eine Überbrückung von Gegenwart und Zukunft und eine Vernetzung zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern, die so viele Variablen enthält, dass unklar ist, ob die Gleichung aufgehen kann. Er ist eine praktische Zumutung, denn er verlangt vom Eigentümer, sein Kapital auch dann wie ein Fremdkapital zu behandeln, wenn es sein Eigenkapital ist.

          Mit Hilfe eines Instruments, das auf den schönen Namen der Berechnung von Opportunitätskosten hört, soll ein Eigentümer laufend prüfen, ob ihm nicht durch die Eigenverwendung seines Vermögens Gelegenheiten (Opportunitäten) entgehen, andernorts höhere Gewinne zu erzielen. Nicht zuletzt ist der Kapitalismus genau deswegen auch eine gesellschaftliche Zumutung, denn er setzt den wirtschaftlichen Vergleich der Gelegenheiten an die Stelle der Würdigung der Sache selbst, ihrer Geschichte und ihrer Einbettung in soziale Praktiken aller Art. Er setzt die Sorge an die Stelle der Schönheit, wie Goethe in seinem unter dem Titel „Faust II“ bekannten Lehrbuch der Ökonomie formuliert.

          Buchführung als Kulturleistung

          Der Sachverhalt wird dadurch nicht angenehmer, dass sich der Kapitalismus in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen nicht nur der Güter und Dienstleistungen, sondern auch des Bodens, der Arbeit, der Information und des menschlichen Körpers angenommen hat. Es gibt weltweit nicht wenige Menschen, die sich fragen müssen, ob sie nicht eine ihrer beiden Nieren profitabler einsetzen können, wenn sie sie verkaufen, als wenn sie sie behalten, vom angeblich ältesten Gewerbe der Welt hier zu schweigen. Nicht erst der Protestantismus hat uns gelehrt, Zeit als Geld zu betrachten und nie aus dem Auge zu verlieren, wo und wie die eigene Arbeitskraft mit der größten Aussicht nicht nur auf Gewinn jetzt, sondern auch auf Gewinn morgen, das heißt auf einen sicheren Arbeitsplatz, eine mögliche Karriere und schließlich auf einigermaßen gute Karten beim Jüngsten Gericht, eingesetzt werden kann.

          Werner Sombart vertrat deshalb die These, ohne die Einführung einer doppelten Buchführung hätte sich der Kapitalismus niemals so entwickeln können, wie wir ihn kennen. Dennoch wird die doppelte Buchführung, vormals eine Geheimlehre, erstmals veröffentlicht im Jahr 1494 von Luca Pacioli, einem Franziskanermönch, Mathematikprofessor und Freund Leonardo da Vincis, bis heute immer noch nicht zureichend als eine der großen Kulturleistungen der Menschheit gewürdigt. Immerhin nennt Oswald Spengler Pacioli in einem Atemzug mit Kopernikus und Kolumbus. Seine Lehre der doppelten Buchführung sei „eine reine Analyse des Wertraums“, bezogen auf ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt „die Firma ist“, so liest man in „Der Untergang des Abendlandes“. Und Sombart erinnert daran, dass auch „die Firma“ nichts anderes als die institutionelle Verselbständigung des Rechts und der Pflicht ist, mit einer Unterschrift (ital. firmare: unterschreiben) für seine Absichten und Handlungen geradezustehen.

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