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Zukunft des Kapitalismus (19) : Licheń lässt mir keine Ruhe

  • -Aktualisiert am

Symbol des polnischen Kapitalismus: die Wallfahrtskirche Lichen Bild: ASSOCIATED PRESS

Ein katholischer Themenpark in Polen zeigt in Gigantomanie, wie unsere kapitalistische Zukunft aussieht: Investitionen ohne Rendite, sich selbst perfektionierende Formen, kalte Pracht ohne Sinn.

          5 Min.

          Seit einigen Tagen fahre ich durch Polen. Von Süden nach Norden und wieder zurück. Insgesamt werde ich etwa zweitausend Kilometer zurücklegen. Sonntag kam ich an Rzgów vorbei, das ungefähr in der geographischen Mitte des Landes liegt. Kilometerweit erstrecken sich hier Großhandelsmärkte, Warenlager und Magazine mit Textilien, Unterwäsche, Galanterieware, Schneiderzubehör, mit allem, was der Mensch zum Anziehen braucht. Von hier aus geht die Ware in die Läden und auf die Wochenmärkte des ganzen Landes. Von dort weiter nach Osten, in die Ukraine, nach Belarus. Auch am Sonntag blühte der Handel. Hunderte Autos parkten, die ganztags geöffneten Restaurants empfingen ein hungriges Publikum. Gleich danach kam Łódź, wahrscheinlich die hässlichste Stadt Polens, aber doch faszinierend genug, dass David Lynch immer wieder hierherkommt, um mit den hiesigen Filmstudios zu arbeiten.

          ód wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts zur unangefochtenen Metropole des Kapitalismus auf polnischem Boden. Durch seine Lage an einem Punkt, an dem die Grenzen von drei Kaiserreichen zusammentrafen – Österreich-Ungarn, Preußen und Russland –, verwandelte es sich im Laufe weniger Jahre von einer kleinen Siedlung in ein mächtiges Zentrum der Textilindustrie. Polnische, deutsche und jüdische Vermögen wurden hier im Handumdrehen gemacht. Heute ist Łódź eine heruntergekommene, leicht ruinierte Stadt.

          Hinter den Bildern keine Welt

          Wenn ich durch Polen fahre, habe ich oft das Gefühl, ich führe durch ein unbekanntes Land. Alles hat sich verändert: die Landschaft und die Gesichter der Menschen, ihre Kleidung und Autos, Häuser und Gärten. Eigentlich hat sich die ganze Welt verändert. Knapp zwanzig Jahre Kapitalismus haben die materielle Wirklichkeit in einem nie zuvor gekannten Ausmaß umgestaltet. Um sich zu vergegenwärtigen, wie diese Wirklichkeit früher war, ist man auf die Vorstellungskraft angewiesen – geblieben ist von ihr so gut wie nichts. Die freigesetzten Kräfte von Unternehmertum und Konkurrenz, das zurückgegebene oder neu erworbene Eigentum haben eine elementare Wirkung entfaltet.

          Themenpark der polnischen Volksfrömmigkeit: die Wallfahrtskirche Lichen im Modell
          Themenpark der polnischen Volksfrömmigkeit: die Wallfahrtskirche Lichen im Modell : Bild: picture-alliance / dpa

          Die Umgebung von Łódź ist scheußlich und ausdruckslos. Sie macht den Eindruck eines frühkapitalistischen Heerlagers. Die Zahl der Werbeplakate, Reklameschilder, Anzeigen und Hinweisschilder auf Handel, Dienstleistungen, Firmen, Gewerbe und Sortimente am Straßenrand schlägt sämtliche polnische Rekorde. All das ist buntscheckig, geschmacklos, hastig, provisorisch hingehauen, aber es bringt treffend die Energie und Kraft zum Ausdruck. Alle sind tätig, alle handeln mit etwas, produzieren, vermitteln, konkurrieren, kämpfen ums Überleben und gehen gewiss auch nicht selten unter. Eine vielfarbige, chaotische Bildergeschichte von der Geburt des Business bedeckt Zäune, Wände und Dächer. Hinter diesem gigantischen Marketing-Fresko ist die normale Welt kaum noch zu erkennen.

          Themenpark der Volksfrömmigkeit

          Hundert Kilometer hinter Łódź bog ich nach Norden ab. Ich wollte endlich einmal Licheń sehen. Licheń ist das größte katholische Heiligtum in Polen und vermutlich das siebtgrößte in Europa. Kaum hatte ich es am Horizont entdeckt, erschien es mir wie das größte Bauwerk des Kapitalismus, das wir je hatten errichten können. Ein bescheidener Dorfpfarrer hatte die Vision einer gigantischen Kirche, und er hat sie in die Wirklichkeit umgesetzt. Etwa zehn Jahre brauchte er dafür.

          Ausschließlich aus Spenden von Gläubigen im ganzen Land baute er eine Art Themenpark zur volkstümlichen polnischen Gläubigkeit im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten des Kapitalismus. Das ist wahrhaft gigantisch, man sieht es schon aus der Entfernung von über zehn Kilometern. Kuppeln und Gold dominieren. Was wohl eine Reminiszenz der Basilika des Heiligen Petrus in Rom werden sollte, erinnert eher an eine Kreuzung von Brandenburger Tor und Istanbuler Hagia Sophia. Es ist pompös, prätentiös und kitschig – so jedenfalls das Urteil von Kunst- und Architekturkennern, die sich mit der Vision des Dorfpfarrers in Marmor, Granit, Gips nicht anfreunden mochten. Das einfache, arme Volk aber kratzte seine letzten Groschen zusammen und unterstützte den Bau. Aus eigenem Antrieb, ohne irgendeinen Zwang und im Bewusstsein der Wirkung seiner unzähligen kleinen Spenden, beseelt von der Vision. Das Volk nutzte seine Freiheit und die Macht des eigenen Geldes.

          Spiritueller Kurort

          Licheń also als Symbol des polnischen Kapitalismus, der das Importierte geschickt mit dem Heimischen zu verbinden weiß. Katholizismus und Themenpark. Denn das Gotteshaus ist nur ein Element eines noch größeren Ganzen. Ringsum erstreckt sich ein gepflegter Park, an den Spazierwegen finden wir Bildstöcke, Denkmäler und symbolische Darstellungen in Form großer Felssteine mit Inschriften. Sie illustrieren die heldenhafte, komplexe, an Märtyrern reiche Geschichte des polnischen Volkes. Da gibt es sogar eine Wachsfigur oder eher Gipsfigur eines SS-Manns, der auf den im Auschwitzer Hungerbunker sterbenden katholischen Priester Maximilian Kolbe herabschaut. Das ganze Unternehmen trägt die Bezeichnung „Sanktuarium“. Anders als typische Sanktuarien, die langsam und natürlich wuchsen, über Generationen hinweg errichtet wurden, ist dieses in einer einmaligen Kraftanstrengung gebaut, so wie man Banken oder Handelszentren in die Landschaft setzt. Alles hier ist neu. Die Bäume, die Denkmäler, die Teiche.

          An diesem heiteren Nachmittag spazierten Hunderte Besucher, hier Pilger genannt, zwischen Baumspalieren und gestutzten Hecken. Sie sahen aber nicht danach aus, als wollten sie ihre Religiosität auf irgendeine besondere Weise zelebrieren. Sie flanierten, nahmen auf den Bänken Blank, aßen Stullen, rauchten Zigaretten und knipsten. Es war ein ruhiges, stilles Picknick im frischen, blühenden Grün. Eher ein Kurort als ein neues Meugore.

          Pomp und Pracht

          Kolossale Summen waren hier investiert worden ohne Erwartung einer Rendite. An der Straße hinter der Mauer standen ein paar Marktbuden mit Devotionalien. Wandteppiche mit Papstbildnissen, Plastikfiguren der Muttergottes mit abschraubbarem Kopf, als Flasche für das Wasser aus dem Wunderquell dienend, vergoldete Miniaturen des Heiligtums. Bescheidene Restaurants offerierten anspruchslose Verpflegung. Die Dorfbewohner hatten auf ihren Höfen gebührenpflichtige Parkplätze für die Besucher eingerichtet. Im Vergleich zu dem Pomp und der aufdringlichen Pracht des Heiligtums fiel der „kommerzielle Teil“ sehr dürftig aus.

          Aber auch die Pracht und der Pomp schienen völlig selbstlos zu sein. Der Dorfpfarrer hatte einen Treffpunkt für normale Menschen geschaffen, die einfach nur stolz auf diesen Ort sind. Mehr noch – dieser Ort half ihnen dabei, eine eigene Identität aufzubauen.

          Kalte Energie

          Ich verließ Licheń nach wenigen Stunden, doch ging es mir bis zum Ende meiner Reise nicht mehr aus dem Kopf. Ich fuhr durch ein sich entwickelndes Land, ich kam vorbei an den gläsernen Fassaden der Wolkenkratzer und Bankgebäude, an Kreuzungen, Apartment-Siedlungen, ich fuhr über modernisierte Verkehrsarterien in einer Schlange glänzender neuer Autos, zwischen unzähligen gigantischen Lastkraftwagen, die Millionen nötiger und unnötiger Güter transportierten, und doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass all diese Mühe vergeblich sei. Die Formen entwickelten und perfektionierten sich, doch nichts deutete darauf hin, dass sie ein anderes Ziel als die eigene Vollkommenheit hätten. Es waren übernommene Formen, absolut selbstgenügsam. Sie brachten nichts zum Ausdruck als sich selbst. Eine unpersönliche, kalte Energie sammelte sich in ihnen. Sie sollten das Leben erleichtern und beschleunigen, ohne selbst etwas mit dem Leben gemein zu haben. Es waren eigene, vampirische Ziele, zu denen sie unser Menschsein heranzüchten sollten.

          Licheń ließ mir keine Ruhe. Dieses naive und zugleich gigantische Projekt eines Themenparks unter dem Motto „Unsere nationale Identität“ war ein Wink, wie unsere Zukunft aussehen wird. Mehr als Reichtum und Komfort werden wir in dieser Zukunft eine Antwort auf die Frage brauchen, wer wir sind. Eine Antwort in der alten Bedeutung dieses Wortes wird nicht mehr möglich sein. Deshalb müssen wir sie uns mit unserem eigenen Geld und nach unserem eigenen Geschmack bauen. Selbstverständlich, das meiste Geld werden wir in die eigene Gesundheit investieren, langfristig auch in die biologische Unsterblichkeit. Doch sofort danach wird sich uns die Frage stellen, was wir mit dieser Unsterblichkeit anfangen sollen. Eine Antwort darauf werden die „Liches“ geben. Wie große Vergnügungsparks werden sie uns sagen, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Natürlich nach unserem Geschmack, und nach unseren finanziellen Möglichkeiten.

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