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Zukunft des Kapitalismus (19) : Licheń lässt mir keine Ruhe

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Licheń also als Symbol des polnischen Kapitalismus, der das Importierte geschickt mit dem Heimischen zu verbinden weiß. Katholizismus und Themenpark. Denn das Gotteshaus ist nur ein Element eines noch größeren Ganzen. Ringsum erstreckt sich ein gepflegter Park, an den Spazierwegen finden wir Bildstöcke, Denkmäler und symbolische Darstellungen in Form großer Felssteine mit Inschriften. Sie illustrieren die heldenhafte, komplexe, an Märtyrern reiche Geschichte des polnischen Volkes. Da gibt es sogar eine Wachsfigur oder eher Gipsfigur eines SS-Manns, der auf den im Auschwitzer Hungerbunker sterbenden katholischen Priester Maximilian Kolbe herabschaut. Das ganze Unternehmen trägt die Bezeichnung „Sanktuarium“. Anders als typische Sanktuarien, die langsam und natürlich wuchsen, über Generationen hinweg errichtet wurden, ist dieses in einer einmaligen Kraftanstrengung gebaut, so wie man Banken oder Handelszentren in die Landschaft setzt. Alles hier ist neu. Die Bäume, die Denkmäler, die Teiche.

An diesem heiteren Nachmittag spazierten Hunderte Besucher, hier Pilger genannt, zwischen Baumspalieren und gestutzten Hecken. Sie sahen aber nicht danach aus, als wollten sie ihre Religiosität auf irgendeine besondere Weise zelebrieren. Sie flanierten, nahmen auf den Bänken Blank, aßen Stullen, rauchten Zigaretten und knipsten. Es war ein ruhiges, stilles Picknick im frischen, blühenden Grün. Eher ein Kurort als ein neues Meugore.

Pomp und Pracht

Kolossale Summen waren hier investiert worden ohne Erwartung einer Rendite. An der Straße hinter der Mauer standen ein paar Marktbuden mit Devotionalien. Wandteppiche mit Papstbildnissen, Plastikfiguren der Muttergottes mit abschraubbarem Kopf, als Flasche für das Wasser aus dem Wunderquell dienend, vergoldete Miniaturen des Heiligtums. Bescheidene Restaurants offerierten anspruchslose Verpflegung. Die Dorfbewohner hatten auf ihren Höfen gebührenpflichtige Parkplätze für die Besucher eingerichtet. Im Vergleich zu dem Pomp und der aufdringlichen Pracht des Heiligtums fiel der „kommerzielle Teil“ sehr dürftig aus.

Aber auch die Pracht und der Pomp schienen völlig selbstlos zu sein. Der Dorfpfarrer hatte einen Treffpunkt für normale Menschen geschaffen, die einfach nur stolz auf diesen Ort sind. Mehr noch – dieser Ort half ihnen dabei, eine eigene Identität aufzubauen.

Kalte Energie

Ich verließ Licheń nach wenigen Stunden, doch ging es mir bis zum Ende meiner Reise nicht mehr aus dem Kopf. Ich fuhr durch ein sich entwickelndes Land, ich kam vorbei an den gläsernen Fassaden der Wolkenkratzer und Bankgebäude, an Kreuzungen, Apartment-Siedlungen, ich fuhr über modernisierte Verkehrsarterien in einer Schlange glänzender neuer Autos, zwischen unzähligen gigantischen Lastkraftwagen, die Millionen nötiger und unnötiger Güter transportierten, und doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass all diese Mühe vergeblich sei. Die Formen entwickelten und perfektionierten sich, doch nichts deutete darauf hin, dass sie ein anderes Ziel als die eigene Vollkommenheit hätten. Es waren übernommene Formen, absolut selbstgenügsam. Sie brachten nichts zum Ausdruck als sich selbst. Eine unpersönliche, kalte Energie sammelte sich in ihnen. Sie sollten das Leben erleichtern und beschleunigen, ohne selbst etwas mit dem Leben gemein zu haben. Es waren eigene, vampirische Ziele, zu denen sie unser Menschsein heranzüchten sollten.

Licheń ließ mir keine Ruhe. Dieses naive und zugleich gigantische Projekt eines Themenparks unter dem Motto „Unsere nationale Identität“ war ein Wink, wie unsere Zukunft aussehen wird. Mehr als Reichtum und Komfort werden wir in dieser Zukunft eine Antwort auf die Frage brauchen, wer wir sind. Eine Antwort in der alten Bedeutung dieses Wortes wird nicht mehr möglich sein. Deshalb müssen wir sie uns mit unserem eigenen Geld und nach unserem eigenen Geschmack bauen. Selbstverständlich, das meiste Geld werden wir in die eigene Gesundheit investieren, langfristig auch in die biologische Unsterblichkeit. Doch sofort danach wird sich uns die Frage stellen, was wir mit dieser Unsterblichkeit anfangen sollen. Eine Antwort darauf werden die „Liches“ geben. Wie große Vergnügungsparks werden sie uns sagen, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Natürlich nach unserem Geschmack, und nach unseren finanziellen Möglichkeiten.

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