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Zukunft des Kapitalismus (18) : Sprechstunde beim Betriebspsychologen

  • -Aktualisiert am

Leidet die Finanzwirtschaft unter einem Wahrnehmungsproblem? Zumindest der Finanzwirtschaftler. Bild: picture-alliance/ dpa

Kapitalismus des Unbewussten: Die Marktwirtschaft macht nicht nur krank - sie ist nun auch selbst krank: neurotisch, depressiv, befallen vom Aufmerksamkeitsdefizit. Eine Krankengeschichte.

          Neurose, Depression und ADHS (also Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätsstörung) sind Krankheiten der Individuen. Es gibt aber auch eine Kapitalismuskrankheit, die ganze Kulturen befällt. Sie hat den Namen „Weltwirtschaftskrieg“, ein hässlicher Mutant, der aus dem Krieg mit Waffen hervorgegangen ist. Demnach werden öffentliche Finanzmittel eingesetzt, um die Volkswirtschaften anderer Staaten durch Dumping-Exporte zu schwächen.

          Unter allen amerikanischen Banken war Lehmann Brothers am meisten mit nichtamerikanischen Banken vernetzt. Also war vorauszusehen, dass ein Lehman-Brothers-Zusammenbruch Zusammenbrüche auf der ganzen Welt nach sich ziehen würde. Was voraussehbar ist, ist auch strategisch einsetzbar, etwa nach dem Motto: „Ich bin an einer Sintflut interessiert, weil mein Haus wasserfester gebaut ist als die Häuser meiner Konkurrenten.“

          Denn auch Folgendes war voraussehbar: In einem weltweiten Wirtschaftschaos würde man dem amerikanischen Staat mehr Geld leihen in Form von Staatsanleihen als anderen Staaten. Denn Amerika hat die größere Bonität. Dadurch würde der Dollar als Leitwährung gestärkt, beispielsweise gegenüber dem Konkurrenten Euro. Euro-Staatsanleihen sind nicht möglich, weil es keinen Euro-Staat gibt. Es sind nur Staatsanleihen an europäische Einzelstaaten möglich. Außerdem setzt sich die Bonität der Euro-Zone aus der Durchschnittsbonität der europäischen Einzelstaaten zusammen. Das ist ein Mittelwert zwischen Griechenland und Deutschland. Dieser Wert ist eindeutig niedriger als der amerikanische Bonitätswert.

          Kapitalismus des Unbewussten

          Angenommen, Wirtschaftssysteme gehorchten blinden Evolutionsdynamiken, die man nicht beeinflussen kann; und angenommen, die Veränderungen des Kapitalismus gehorchten nicht dem Prinzip der menschlichen Rationalität, das die Wirtschaftswissenschaftler für das Axiom der ökonomischen Theorie halten: Dann müsste es einen Kapitalismus des Unbewussten geben. Und dann sollte man sich fragen, ob es trotzdem Regelmäßigkeiten gibt, die ein unbewusstes Wirtschaftssystem beschreibbar machen.

          Möglicherweise liefern in diesem Zusammenhang auffällige Krankheiten einen Hinweis. Man könnte versuchen, herauszufinden, von welchen Krankheiten die Menschen in den verschiedenen Epochen der Kapitalismusgeschichte besonders häufig befallen wurden. Man sollte natürlich auch darüber nachdenken, von welchen Krankheiten die Menschen in Zukunft befallen werden. Dann würde die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus zu einer Voraussage, die sich auf eine neue symptomatische Kapitalismuskrankheit bezöge.

          Krankheitsepochen des Kapitalismus

          Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Krankheitsgeschichte des Kapitalismus. Sie scheint in drei Phasen verlaufen zu sein. Hennric Jokeit und Ewa Hess beschreiben diesen Prozess in einem „Merkur“-Aufsatz folgendermaßen: Erste Phase – die Neurose; sie fällt zusammen mit dem Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Zweite Phase – die Depression; sie fällt zusammen mit der Kapitalismusentwicklung, die bis zur Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert reicht. Dritte Phase, die sich auf die Zukunft bezieht – ADHS; was das bedeutet, soll noch nicht verraten werden.

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