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Zukunft des Kapitalismus (17) : Der Untergang findet nicht statt

  • -Aktualisiert am

Sinnsuche auf breiter Basis: Kirchentagsbesucher in Bremen Bild: ddp

Die Marktwirtschaft kennt keine bösen oder guten Absichten. Ihr liegt nur am moralfreien, sinnlosen Tausch. Wenn sie alles beherrscht, ist der Kollaps wahrscheinlich. Doch wir sind gerade Zeugen einer breiten Gegenbewegung.

          Im „New Yorker“ war vor einiger Zeit eine Karikatur zu sehen, die ein Ruderboot zeigt, dessen Bug in einem 45-Grad-Winkel aus dem Wasser ragt, während das Heck im Wasser versinkt. Den beiden Personen im Heck steht das Wasser bis zum Hals, die beiden im Bug schweben trocken in luftigen Höhen. „Nur gut, dass das Loch auf der anderen Seite ist“, sagt die Sprechblase der im Trockenen Sitzenden. Ein schönes Bild, um die Logik systemischer Prozesse zu illustrieren, die auch für unser Wirtschaftssystem und jedes Gesellschaftssystem bestimmend ist.

          Der Begriff „systemisch“ erfreut sich in letzter Zeit ja einer erstaunlichen Beliebtheit, vor allem, wenn es um die aufgrund ihrer „systemischen Bedeutung“ zu rettenden Banken geht. Aber was sieht man eigentlich, wenn man aus einer systemtheoretischen Perspektive auf unsere Wirtschaft blickt? Die Zukunft ist zwar generell nicht vorhersehbar, aber dennoch ist ziemlich sicher, dass die Probleme, für die unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem eine Lösung bietet, auch in Zukunft gelöst werden müssen: die Produktion und Verteilung von Gütern, insbesondere von Gütern, die für das individuelle wie kollektive Überleben des Menschen notwendig sind. Der Kapitalismus ist, so betrachtet, nicht Problem, sondern Lösung – wenn auch eine Lösung, die neue Probleme schafft.

          Im Schutz der großen Einheit

          Dass ein marktwirtschaftliches System nicht die einzige Lösung ist, zeigt die Geschichte. In traditionellen Stammessystemen bot die Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung Sicherheit für den Einzelnen, und in Feudalsystemen war es die Unterwerfung unter einen Herrn, der als Gegenleistung für die erbrachte Fronarbeit verpflichtet war, sich im Notfall um die Versorgung seiner Untertanen zu kümmern. In all diesen Systemen waren Überleben und Lebensqualität des Einzelnen an die Zugehörigkeit zu einem übergeordneten sozialen System gebunden: den Stamm, das Fürstentum, den Staat.

          Dass das Überleben des Einzelnen und sein Wohlstand auch heute noch an das Funktionieren größerer sozialer Einheiten – Volkswirtschaften, die EU, Unternehmen, Familie, das Weltfinanzsystem – gebunden sind, schien bis zum Beginn der gegenwärtigen Krise aus dem Blickfeld geraten. Das hat damit zu tun, dass unsere zeitgenössischen Marktgesellschaften dem Individuum Freiheits- und Möglichkeitsräume eröffnen, wie es sie menschheitsgeschichtlich zuvor nie gab. Bewertet man die traditionellen Gesellschaftsformen positiv, so gewährten sie ihren Mitgliedern Zukunftssicherheit und Berechenbarkeit durch eine stabile soziale Struktur. Bewertet man sie negativ, so pressten sie das Individuum in eine Zwangsjacke, die jede Handlungsfreiheit nahm. Solche Systeme waren konservativ, jede Innovation erforderte Revolution.

          Universaler Tausch

          Wo Märkte statt verwandtschaftlicher Hilfsverpflichtungen oder feudalistischer Herrschaft die Produktion und Verteilung lebenswichtiger Güter steuern, ändert sich dies radikal. „Geld stinkt nicht“, es kann unabhängig davon, wie es erworben wurde – ob durch anrüchige Geschäfte, ehrliche Arbeit, einen Banküberfall oder Derivatenhandel –, verwendet werden. Seine Vergangenheit spielt für seine Zukunft keine Rolle. Die Abstraktion vom Kontext, die mit der Nutzung von Geld als Kommunikationsmittel zwangsläufig verbunden ist, sorgt für seine universelle Verwendbarkeit. Nach erhaltenen Zahlungen können Zahlungen geleistet werden, unabhängig davon, wofür und von wem die Zahlungen geleistet wurden, und es bleibt offen, wofür und an wen sie geleistet werden.

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