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Zukunft des Kapitalismus (16) : Das Monster in der Grube

  • -Aktualisiert am

Man müsse Feuer mit Feuer bekämpfen, sagen die Krisenmanager der Politik. Warum versuchen wir es nicht einmal mit Wasser? Wer das Gemeinwesen stärken will, muss soziale Gerechtigkeit fordern. Ein Plädoyer des Schriftstellers Ingo Schulze.

          Die Begriffe „Zukunft“ und „Kapitalismus“ klingen, wenn man sie in einem Atemzug nennt, fremd, als gehörten sie nicht zusammen. Schon die Bezeichnungen Früh- und Spätkapitalismus signalisieren, dass man es mit einem zeitlich begrenzten Phänomen zu tun hat. Seit dem Mauerfall wird der Begriff „Spätkapitalismus“ jedoch kaum noch verwendet.

          Wer östlich des „Eisernen Vorhangs“ gelebt hat, empfand die Zeitenwende von 1989/90 auch als eine „Rückkehr aus der Zukunft“ (Boris Groys). Aufgewachsen mit gesellschaftlichen Zukunftsentwürfen und der Theorie, die ganze Geschichte sei eine Entwicklung hin zur klassenlosen Gesellschaft, sah ich mich nun mit dem „Ende der Geschichte“ konfrontiert. „Keine Experimente!“, verkündeten Plakate. Die Mehrheit der Ostdeutschen wollte nicht mehr auf die Zukunft vertröstet werden, sie wollte die D-Mark und die soziale Markwirtschaft am liebsten sofort. Wenn man überhaupt einmal von der Zukunft sprach, dann sah diese ungefähr so aus wie die Gegenwart, verbessert um technische Erfindungen. Jenseits von Wachstumsprognosen, EU-Beitritten, Olympischen Spielen und Wahlversprechen wurde die deutsche Öffentlichkeit erst wieder durch die Klimaforscher an die Zukunft erinnert.

          Vorboten neuer Krisen

          Dabei bietet schon die Gegenwart genügend Beispiele für das, was uns in Zukunft erwartet: Aralsee und Tschadsee sind im Laufe der letzten Jahrzehnte so gut wie verschwunden, auch das Tote Meer wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Im Sudan ist die Wüste in den vergangenen vierzig Jahren hundert Kilometer gewandert. Wenn es gelingt, auf der Klimakonferenz in Kopenhagen verbindliche Regeln zu vereinbaren, könnte der Anstieg der Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts bestenfalls auf zwei Grad begrenzt werden – im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, im Vergleich zu heute um 1,6 Grad. Auch dieser begrenzte Anstieg wird die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen zerstören. Gelingt nicht mal dies, werden ganze Weltgegenden nicht mehr bewohnbar sein.

          Ingo Schulze

          Gerade weil wir in diesem Jahr das Jubiläum des Mauerfalls feiern, müssen wir auch über die neuen Mauern und die neuen Stacheldrahtzäune sprechen. Jährlich sterben Tausende bei dem Versuch, die Küsten Europas zu erreichen. Man braucht keine Phantasie zu bemühen, um in ihnen Vorboten zu sehen. Die Flüchtlinge riskieren ihr Leben, weil ihre Existenz und die ihrer Familien bedroht ist. An dieser Not haben auch und gerade die Industrieländer schuld. Einst brachten sie Kolonialismus und Völkermord, heute sind sie verantwortlich für die Ausbeutung billiger Rohstoffe und Arbeitskräfte, für Waffenlieferungen und Nummernkonten, für eine zerstörerische Subventionspolitik und fragwürdige Hilfsleistungen und nicht zuletzt für die Klimaerwärmung.

          Ohne Rückhalt in den Kapitalismus

          In den letzten Jahren war wieder des öfteren von Zukunft die Rede – und zwar in dem Maße, wie der gegenwärtige Alltag nicht mehr so war, als dass man ihn sich in die Zukunft verlängert wünschte.

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