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Zukunft des Kapitalismus (15) : Haben wir denn im Kapitalismus gelebt?

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Seine staatlichen Eingriffe brachten wenig: Franklin D. Roosevelt Bild: ASSOCIATED PRESS

Wären die zyklischen Wirtschaftskrisen das direkte Ergebnis einer kapitalistischen Ordnung, dann müssten sie ähnlich verlaufen. Das tun sie aber nicht. Wer den Staaten beim Krisenmanagement zuschaut, sieht auch, dass die Schuld nicht beim Markt, sondern bei der Politik zu suchen ist.

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          Die gängige, wertkonservative Kritik des Kapitalismus geht von seiner Zählebigkeit aus, doch kommt dieses Eingeständnis als vergiftetes Kompliment daher. Gerade wegen seiner unübersehbaren Vitalität sei er als solcher noch nicht gesellschaftsfähig; Moral, Gesittung und Recht müssten ihm erst beigebracht werden. Gegenwärtig hat diese Beschreibung des naturwüchsig amoralischen, wenn nicht moralzehrenden Charakters des Kapitalismus auch deshalb Konjunktur, weil sie sich mit der Moritat von Vertreibung und Heimholung der Politik verbindet. Vom Marktradikalismus zunächst verdrängt, genieße die Politik nun wieder den gebührenden Vorrang.

          Man muss die Frage stellen, ob wir denn wirklich im Kapitalismus gelebt haben, um an die Hinweise auf das Gegenteil zu erinnern. Schon lange bevor es nur noch staatliche, halbstaatliche und direkt oder indirekt staatlich garantierte Banken gab, konnten wir nicht mehr von Geld sprechen, ohne von Geldpolitik zu reden, und ob etwa der Arbeitsmarkt nach Marktgesetzen funktioniert, ist eine rhetorische Frage. Während solche Gegenerzählungen Zweifel am Bild vom ungehemmten Kapitalismus nähren, führt der Vergleich verschiedener Krisen direkt zur Beziehung zwischen Markt, Moral und Staat. Wären nämlich die wiederkehrenden Krisen tatsächlich das direkte Ergebnis einer kapitalistischen Ordnung, dann sollten sie ähnlich verlaufen.

          Unreine Mischsysteme

          Zu den Krisen, die im kollektiven Gedächtnis kaum Spuren hinterließen, zählt diejenige zu Anfang der zwanziger Jahre, in der der amerikanische Präsident Harding sich für keine der gleichermaßen problematischen Handlungsempfehlungen entscheiden mochte. Die Krise war bald ausgestanden, doch ging er als Do-nothing-Präsident in die Geschichtsbücher ein. Roosevelt hingegen entfachte ein Ausmaß staatlicher Eingriffe ins Alltagsleben, für das es, von Mussolini abgesehen, kein Vorbild gab. An den Kennzeichen der vorgefundenen Krise, etwa der Arbeitslosigkeit, änderte das aber nichts. Erst der Krieg erwies sich als Stimulus.

          Langfristig wirksamer als Roosevelts Politik war der New-Deal-Mythos, nicht nur Deutschland und Japan, sondern auch die Weltwirtschaftskrise seien durch große kollektive Anstrengungen überwunden worden. Die Anhänger dieses Glaubens an den aktiven Staat und die Kritiker, denen die Staatstätigkeit als Teil des Problems und nicht als dessen Lösung erscheint, stimmen allenfalls darin überein, dass alle konkreten Ordnungen unreine Mischsysteme sind.

          Gutes Geld und schlechtes Geld

          Ein Vergleich der beiden jüngsten Krisen führt jedoch über diese Banalität hinaus. Als vor wenigen Jahren die sogenannte Dotcom-Blase platzte, lag die Wertvernichtung bei mehr als dem Doppelten dessen, was man der jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise bislang zurechnet. Dass diese Krise schon bald vergessen war, liegt daran, dass sie tatsächlich nach kapitalistischem Drehbuch verlief. Private und institutionelle Investoren verloren Geld, während alle anderen von den Folgen verschont blieben.

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