https://www.faz.net/-gsf-137ek

Zukunft des Kapitalismus (12) : Ohne Aufstiegswille kein Kapitalismus

  • -Aktualisiert am

Der atemlose Gang des Kapitalismus: der „Walking Man” vor dem Hauptgebäude der Münchener Rück Bild: ddp

Allein mit sanften Methoden lassen sich die Finanzinvestoren nicht auf den Boden der Realität zurückholen. Nur durch umfangreiche Staatsmaßnahmen kann die polarisierende Dynamik des Kapitalismus gebändigt werden, meint der Soziologe Christoph Deutschmann.

          5 Min.

          Kapital, das im Überfluss vorhanden ist – kann es so etwas geben? Selbstverständlich, wird der informierte Leser antworten, der gegenwärtige Zustand der internationalen Kapitalmärkte mit einem immer noch gigantischen Überhang an nicht gedeckten Forderungen und auf null zurückgenommenen Zentralbankzinsen beweist es. Für die herrschende Wirtschaftstheorie verhält es sich nicht so einfach. Für sie sind Güter definitionsgemäß knapp, folglich auch Kapital als Inbegriff der Mittel zu ihrer Herstellung. Deshalb konnten die Verfechter der neoklassischen Theorie die Krise gar nicht voraussehen, sie kam in ihrem Weltbild nicht vor. Milton Friedman und die Theoretiker „effizienter“ Finanzmärkte wollten noch nicht einmal die Möglichkeit von Finanzmarktblasen einräumen.

          John Maynard Keynes hatte schon zu Beginn der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre eine ganz andere Position vertreten. In einem Aufsatz über „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ wandte er sich gegen allzu großen Pessimismus. So schmerzhaft die aktuellen Probleme seien, seien sie doch nur ein Symptom dafür, dass der moderne Kapitalismus unablässig an der Überwindung des Menschheitsproblems der Knappheit der Güter und Ressourcen arbeite.

          Das Kätzchen des Investors

          In einem System, das die Bedürfnisse der Verbraucher mit immer geringerem Aufwand befriedige, werde es, wie Keynes später in seiner „General Theory“ präzisierte, immer schwieriger, profitable Investititionsgelegenheiten zu finden. Kapital aber, das nicht länger knapp ist, bringt auch keine Rendite mehr. Natürlich sei es nicht leicht, die Finanzinvestoren von ihrer Fixierung auf den Renditeanspruch abzubringen. Die staatliche Politik müsse auf eine „Euthanasie des Rentiers“ und auf eine „ziemlich umfassende Sozialisierung der Investitionen“ hinsteuern. Am Ende jedoch werde eine Ära der Muße und des Überflusses kommen. Der Finanzinvestor gleiche einem Menschen, der nicht seine Katze liebt, sondern „die Kätzchen seiner Katze; und in Wirklichkeit nicht die Kätzchen, sondern die Kätzchen dieser Kätzchen, und so fort bis zum Ende des Katzentums“. Pathologien dieser Art werde man an die Fachleute für psychische Erkrankungen verweisen.

          Sind wir heute so weit? Einerseits ja, wie die Überliquidität an den Finanzmärkten zeigt, anderseits nein. Mit dem objektiv wachsenden Überfluss an anlagesuchenden Geldvermögen ist die Liebe der Anleger zum Geld keineswegs verschwunden. Im Gegenteil, sie hat sich, getrieben durch die Mechanismen einer globalen Finanzindustrie, nachgerade zu einer Gier gesteigert. Keynes’ Bild des modernen Kapitalismus erweist sich als noch zu einfach, trotz seiner vielen richtigen Intuitionen. Der Kapitalismus ist keine harmlose Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse mit möglichst effizienten Mitteln. Was er betreibt, ist schöpferische Zerstörung, die unternehmerische Eroberung des Eldorados der kreativen Möglichkeiten freier Lohnarbeit.

          Der große Spalter

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach dem Start müssen Auto und Batterie erwärmt werden. Das kostet viel Strom und mindert die Reichweite des Elektroautos.

          Mit dem Elektroauto im Winter : Das große Zittern

          Im Winter brauchen Elektroautos deutlich mehr Strom als bei moderaten Temperaturen. Folglich sinkt die Reichweite. Warum ist das eigentlich so?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.