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Über die Blöcke hinaus gedacht : Die Dramatik der Gegenwart

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Macht den Kapitalismus platt, oder ihr werdet selbst plattgemacht: Poster des Cartoonisten Viktor Deni aus der frühen Sowjetzeit, 1919 Bild: picture-alliance / United Archiv

Sozialismus und Kapitalismus waren Brüder: Der eine wollte die Zukunft beherrschen, der andere mit ihr spielen. Was wird nach dem Tod des einen? Wir müssen die Ideologien vergessen.

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          Von der „Gier“ der Reichen und vom „Egoismus“ der Schwerreichen ist nun wieder zunehmend die Rede; die schnell ausufernden Debatten über Höchstgehälter und die Möglichkeit ihrer gesetzlichen Limitierung schenken dem Ressentiment eine Maske von Moral und schwitzender Rechtschaffenheit - und fast fühlt man sich in eine Vergangenheit des guten Gewissens und der wohlfeilen Lösungsrezepte versetzt oder in eine Gegenwart, wo es plötzlich und trotz 1989 eine ernsthafte Option zu sein scheint, sich selbst und seine Argumente als „links“ zu inszenieren.

          Viel provokanter, „radikaler“ (wenn jemand an diesem Wort hängen sollte) und jedenfalls realistischer ist es aber, sich vorzustellen, dass jene Wirklichkeits-Koordinaten verschwunden sind, die dem guten alten Antagonismus von „rechts“ und „links“ ihren Sinn gaben, so dass im Kollaps der einen Option durchaus nicht mehr der Triumph der anderen Option liegen muss. Etwas allegorische Untermalung kann den Punkt verdeutlichen.

          Zwei Ideologien blicken auf die Zukunft

          Kapitalismus und Sozialismus waren zwei ungleiche Brüder, zwischen denen sich eine Spannung aus wechselseitiger Rivalität und Frustration aufgeladen hatte - so wie zwischen Abel und Kain. Was sie aber schon immer zu Brüdern gemacht hatte, war ihre geteilte Leidenschaft, die Zukunft beherrschen und mit der Zukunft spielen zu wollen. Rahmen und Voraussetzung der gemeinsamen Passion war eine „historisch“ genannte Form von Zeitlichkeit, die es niemandem und nichts gestattete, ohne permanente Veränderung zu existieren.

          Der immer auf seine moralische Reputation erpichte Sozialismus (Abel) behauptete auf dieser Grundlage nun, aus den Veränderungen der Vergangenheit und ihrer Interpretation die Gewissheit von einer besseren, glücklicheren Zukunft beziehen zu können, und versprach, diese Zukunft ebenso vorsichtig wie verantwortungsbewusst zum Wohl der Gemeinschaft herbeizuführen und zu verwalten. Dem Kapitalismus (Kain) hingegen gehörten der Traum von märchenhaften Gewinnmargen, der Sexappeal eines Spielers und der faszinierende Ruch von Rücksichtslosigkeit.

          Bedrohungen statt Zukunft, Simultanität statt Vergangenheit

          Beide Brüder waren so besessen von ihrem Kampf und den Perspektiven wechselseitiger Auslöschung, dass wir die „historische Zeit“ als ihre gemeinsame Voraussetzung allzu leicht vergessen haben. Ihre offen und gestaltbar aussehende Zukunft, ihre schnell verblassende Vergangenheit und ihre Gegenwart des bloßen Übergangs waren die notwendige Zeitlichkeitsbedingung für die Existenz von Abel und Kain, von Sozialismus und Kapitalismus, für ihre Koexistenz und für ihre Rivalität.

          Ebendiese „historische Zeit“ und ihre Zukunft sind mittlerweile in den Hintergrund getreten - ungefähr seit dem Moment in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Begriff vom „Postmodernen“ die Gebildeten faszinierte und allerhand kulturelle Ausprägungen fand. Überlebt hat die „historische Zeit“ allenfalls in akademischen Publikationen und in der Sonntagmorgen-Rhetorik von Wahlkämpfen, wo der eine offene Zukunft voraussetzende Slogan „Yes, we can“ bis vor kurzem noch Stimmen gewann.

          Im Alltag der vergangenen Jahrzehnte aber, vor allem im wirtschaftlichen Alltag, hat sich der Horizont der Zukunft geschlossen und scheint nun von konvergierenden Bedrohungen gefüllt, die auf uns zukommen. Zugleich erleben wir, wie die Vergangenheit, statt als ein Gegenstand der Interpretation hinter uns zu bleiben, unsere Gegenwart überschwemmt, welche sich inzwischen aus einer Gegenwart des bloßen Übergangs ausgedehnt hat zu einer neuen Gegenwart, wo alles früher Vergangene und alles früher Zukünftige nun zugleich seinen Platz hat in sich immer weiter verbreitender Simultanität.

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