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Schuldenkrise : Die Lernschwäche der Ökonomen

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„Auch 'bürgerliche' Intellektuelle spüren oder erkennen: Die finanzkapitalistische 'Spielanordnung' ist das Grundproblem” Bild: dpa

Wie kann die Schuldenkrise bewältigt werden? Die Soziologen Jens Beckert und Wolfgang Streeck haben davor gewarnt, dass die Krise auf das soziale System übergreifen kann. Dabei führt kein Weg an einer systemischen Therapie vorbei.

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          Jens Beckert und Wolfgang Streeck haben kürzlich ausgeführt: Alle Versuche, die sich vertiefende Krise zu bewältigen, führen zu ihrer Ausweitung und bedrohen so das soziale und politische System. Egal ob der Sozialstaat (weiter) beschnitten wird, die Vermögenden stärker besteuert werden, die Staatsschuld nur mehr zum Teil bedient wird oder eine Inflationspolitik verfolgt wird: In jedem Fall verschärfen sich die Verteilungskonflikte massiv.

          Ich teile die Meinung von Beckert und Streeck, dass sich die 2008 akut gewordene Krise in Etappen weiterentwickelt hat. Allerdings sehe ich die Krise nicht nur als eine der Staatsverschuldung an, sondern als schrittweise Implosion jener „Spielart“ einer Marktwirtschaft, in der die kapitalistische „Kernenergie“, das Gewinnstreben, auf Finanzveranlagung und -spekulation fokussiert ist. Die Staatsverschuldung ist - ebenso wie Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der Entfaltungschancen der Jungen oder Klimawandel - Ausdruck der Dysfunktionalität dieser „Spielanordnung“.
          Eine systemische Therapie sollte daher die Anreizbedingungen grundlegend ändern: Unternehmerisches Handeln muss sich (wieder) viel mehr lohnen als Finanzakrobatik. Eine solche Änderung der „rules of the game“ kostet nicht Geld, sondern (große) Mühe: Die Eliten müssten die von ihnen selbst propagierte Weltanschauung radikal in Frage stellen, also wieder lernen (und was schwieriger ist: verlernen). Die Vermögenden wären zu gewinnen, sie möchten lieber ihr Geld retten als ihre Ideologie. Auch „bürgerliche“ Intellektuelle spüren oder erkennen: Die finanzkapitalistische „Spielanordnung“ ist das Grundproblem.

          Zwei merkwürdige Koinzidenzen

          Den hartnäckigsten Widerstand gegen ein Verlernen leisten die wirtschaftswissenschaftlichen Eliten, schließlich haben sie das marktreligiöse Weltbild mit in langer Arbeit restauriert. Dass die „klügsten Ökonomen“ Deutschlands den Problemländern die Rezepte der 1930er Jahre empfehlen, nämlich Sparpolitik und Währungsabwertung (nach Austritt aus der Eurozone), ist nur ein Beispiel. Dass PolitikerInnen dem Beispiel von Roosevelt 1932 folgen, den Rat der Wirtschaftsweisen verwerfen, und ihrem eigenen Denken mehr vertrauen, ist heute auszuschließen - Ökonomen sitzen überall und sie haben alle in der Renaissance des „Laissez-faire“ studiert. Die notwendige Systemtherapie möchte ich aus einer Begründung der obigen Thesen ableiten. Beginnen wir mit zwei merkwürdigen Koinzidenzen. Der jüngste Verfall der Aktienkurse vollzog sich in zwei Schüben: Der erste begann am 27. Juli im Zusammenhang mit steigender Unsicherheit, ob der Kongress die drohende Zahlungsunfähigkeit der USA noch werde abwenden können. Bis zum 29. Juli verlor der DAX 190 Punkte. Am 1. August wurde die ersehnte Einigung verkündigt - und die Talfahrt der Aktien beschleunigte sich dramatisch: Innerhalb von 6 Handelstagen büßte der DAX 1.546 Punkte ein. Danach machte „er“ bis zum 15. August 409 Punkte gut. Am nächsten Tag verkündeten Merkel und Sarkozy ihre Pläne, innerhalb von 3 Tagen verlor der DAX 542 Punkte.

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