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Occupy Frankfurt : Die Hydra hat einen welkenden Kopf

  • -Aktualisiert am

Der Zuspruch für das Frankfurter Occupy Camp bröckelt. Das Ordnungsamt reagiert immer strenger. Die Zahl der Untergruppen nimmt trotzdem beständig zu.

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          Occupy Frankfurt ist tot, aber das macht erst mal nichts. Es macht nichts, dass Passanten dann nicht mehr in das miefige Asamblea-Zelt vor der EZB glotzen, als handele es sich um einen schlimmen Unfall, und dann zügig weitergehen, um dem Bürgerschrecken wie aus Kevin Costners „Waterworld“ wieder zu entkommen. Dass kein Tourist mehr die Kamera zückt und sein Souvenirfoto „Ich vor der Protestbewegung“ schießt. Dass keine vom Alkohol zerfressene Stimme hinter der Zeltplane wütend krächzt, weil irgendjemand die Wodkaflasche im Gully ausgekippt hat.

          Die Herzblut-Aktivisten brauchen sich dann auch nicht mehr über die trommelnden Urban-Camper ärgern, deren Kloaken sie wegmachen müssen. Und die immer strenger werdenden Auflagen des Ordnungsamts wie: zwei Meter Abstand zu den Bäumen, keine Überdachung der Baracken mehr oder keine Zeltheringe im Boden können ihnen völlig egal sein. Wenn es das Camp nicht mehr gibt, werden sie ihre bessere Welt ungehindert dort weiter erträumen und daran basteln, wohin sie sich bereits geflüchtet haben: im Internet.

          Dringend benötigt: Decken und alte Computer

          Auf der Website macht Occupy Frankfurt gleich einen viel besseren Eindruck. Die Seite kündigt eine Infohotline an, die täglich von 9 bis 20 Uhr erreichbar sein soll. Dort kann man zumindest eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. In Reih und Glied sind 76 Bulletpoints wie auf einer Einkaufsliste untereinander aufgelistet. Unter „dringend benötigt“ und in roter Schrift erbittet man an zweiter Stelle, gleich nach Decken und Schlafsäcken, alte Computer und Zubehör zum Ausschlachten. Das klingt nach gelebtem Mac-Gyver-Tum im improvisierten Camp und talentierten Selbsthelfern im Chaos. Doch der schöne Schein im Web, dem Spenden folgten, stellt die Aktivistin Susanne (Name von der Redaktion geändert) nun vor ein schier unlösbares Problem.

          Seit das Ordnungsamt ein Damoklesschwert über dem Camp schweben lässt, will die Mittdreißigerin aufräumen. Aber womit anfangen? Einen Handschuh hat sie schon gefunden und angezogen. Mit der einen, zur Tat bereiten Hand zeigt sie auf den Bildschirm, der neben vom Regen aufgeweichten Sofakissen auf der Wiese liegt. Ihre Lippen bewegen sich, ohne dass ein hörbarer Ton sie verlässt. Der muss hier weg, sagt sie sich vielleicht. Aber wohin damit? Ein weit abgespreizter Finger zeigt mit unwirscher Bewegung auf einen Haufen Sperrmüll, der sich neben drei Containern auftürmt. Doch ihr Kopf schüttelt sich, als könne nicht noch mehr dorthin verräumt werden, und so läuft sie unverrichteter Dinge zurück in die Zeltlandschaft. Später sieht man sie wieder in der Camp-Küche, wo gerade gekocht wird, diesmal ohne Handschuh. Den hat sie wohl verlegt.

          Occupy Money, die EOZB und Blockupy

          An einer Stelle jedoch deutet auch die Website die bröckelnde Kraft von Occupy Frankfurt an. In Piraten-Manier verschwanden definierte Ziele der Bewegung im basisdemokratischen Diskurs. Einzelpersonen hätten an dieser Stelle ihre Ansätze auf die Seite getextet, aber nie mit Occupy Frankfurt abgestimmt. Lösung: löschen. Was bleibt, ist eine Notiz des einmal Gewesenen. Aber das macht nichts. Denn schon längst sprießen aus dem welkenden Kopf der Occupy-Hydra neue Untergruppen, die sich in virtuellen Arbeitskreisen treffen und für Veranstaltungen zusammenkommen: „Occupy Money“ arbeitet an einem visionären Plädoyer für neues Geld, das zinsfrei, gerecht und stabil sein muss.

          Die satirische EOZB, die Europäische Occupy Zentralbank, lädt auf ihrem Blog zu monatlichen Pressekonferenzen vor der echten EZB ein. Und da gibt es den Aktivisten Jan, der gerade von der Berliner Biennale nach Frankfurt zurückgekehrt ist: Er sieht sich in Zukunft als freies Radikal einer Global Cloud, die sich ihre Form als Creative Common Open Source zu etablieren sucht. In Zeiten, in denen Anleihenhändler die große Krisenwelle auf Deutschland zurückrollen sehen oder Real-Estate-Investoren ein abgebranntes Streichholz für jeden gelungenen Deal im Büro aufstellen, zum Zeichen, dass sie das brennende Streichholz weiterreichen konnten, geht der Nährboden für solche Gruppen gewiss nicht verloren.

          Die wohl deutlichste 2.0-Version von Occupy Frankfurt nennt sich Blockupy Frankfurt. Vom 16. bis 19. Mai werden Occupy, Attac, Erwerbslosenspektrum, linksgewerkschaftliche Gruppen und jeder, der mitmachen will, öffentliche Plätze in der Innenstadt blockieren. Im Camp geht aber auch die Sorge um, dass Frankfurter Hooligans zum Mitmachen bei Blockupy mit dem Codewort „Heimspiel“ aufrufen. Die Occupies möchten aber ausschließlich friedlich für gesellschaftliche Veränderung protestieren. Gewaltbereite Trittbrettfahrer würden ihren Einsatz sabotieren. Und das würde dann doch etwas ausmachen.

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