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Legitimationsprobleme der Banker : Es war Dummheit!

Kann man gleichzeitig dafür und dagegen arbeiten? Eine Tochterfirma der Deutschen Bank konnte Bild: Reuters

Seit das Volk gegen sie protestiert, haben die Banker ein Legitimationsproblem. Zu Recht! Warum wir den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern retten sollten - vor ihnen.

          4 Min.

          Der Staat, sagen jetzt die Banker, sei ein schlechter Banker: Man darf ihm nicht die Kontrolle überlassen.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Kann schon sein, ist vermutlich richtig.

          Aber wer in den vergangenen drei, vier Jahren aufmerksam war; und erst recht, wer betroffen war, weil er sich, in Deutschland, womöglich jenen Schrott hat aufschwatzen lassen, der im Jargon der Banker „innovatives Finanzprodukt“ hieß; oder wer, in Amerika, sich von seiner Bank überreden ließ, eine Hypothek aufs längst bezahlte Haus aufzunehmen, weil sich damit die angebliche Wertsteigerung so unbeschwert verjubeln ließ: Der weiß heute, dass auch die Banker verdammt schlechte Banker sind.

          Und er wird ihnen jenes Image- und Legitimationsproblem von Herzen gönnen, welches sich auch an diesem Wochenende wieder darin zeigt, dass es nicht der schwarze Block ist, der gegen die Macht der Banken demonstriert, und auch nicht die kommunistische Partei. Sondern der sogenannte Bürger, der vielleicht ein Sparbuch hat, einen Job, geputzte Schuhe. Und vor allem einen Zorn, für den es Gründe gibt.

          Das war vielleicht nicht ganz illegal

          Es sei eigenartig, hat in der vergangenen Woche die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben, „dass sich der Zorn der Straße erst jetzt gegen die Banker entlädt und nicht vor drei Jahren - als sie es nämlich verdient hätten“. Worauf man, gerne von der Straße aus, nur antworten kann: Hat sich aber jemand geändert in dieser Zeit? Hat sich jemand entschuldigt? Haben jene Investmentbanker, die zweistellige Millionensummen allein dafür bekamen, dass sie besonders viel von dem innovativen Finanzschrott in Umlauf brachten, ihre Inkompetenz bekannt, ihre Häuser auf Long Island verkauft, ihr Vermögen den Armen gespendet und sich um ein freiwilliges soziales Jahr beworben, in den Vorstädten von Detroit oder den Problembezirken von Berlin?

          Hat irgendwer bei der Deutschen Bank inzwischen ein paar erklärende Worte darüber gesagt, wie es dazu kommen konnte, dass die amerikanische Tochterbank einerseits mit dem Finanzschrott handelte - und andererseits auf dessen Wertlosigkeit spekulierte? Was vielleicht nicht ganz illegal war. Aber ungefähr so seriös, wie wenn mein Arzt mir eine Therapie verordnete, von deren Schädlichkeit und Wirkungslosigkeit er längst überzeugt ist.

          Sie hatten einfach keine Ahnung

          Nein, dies hier ist kein Aufruf zur Verstaatlichung der Banken und zur Abschaffung des Kapitalismus, ganz im Gegenteil - und zu den dümmsten und lächerlichsten Wortmeldungen dieser Tage gehört die Rede der Gesine Lötzsch auf dem Parteitag der Linken, in welcher es darum ging, dass die Banken, die Spekulanten und andere Kapitalisten in Griechenland ein Exempel statuieren wollten: auf dass die gesamte westliche Welt wieder lerne, die Macht des Geldes zu fürchten.

          O je, möchte man da rufen, hinaus auf die Straße, wo das Volk noch ganz furchtlos demonstriert: Was für ein Blödsinn! Es war keine Verschwörung, es war auch keine diabolische Intelligenz, kein macchiavellistisches Kalkül, was zu jenem Crash führte, dessen Folgen noch immer nicht bewältigt sind. Es waren Dummheit und Gier, Inkompetenz, Kurzsichtigkeit und Arroganz, es waren Banker, denen man noch nicht einmal Bösartigkeit unterstellen kann. Sie hatten nur keine Ahnung, was sie da taten - und wer wirklich wissen will, wie überwältigend diese Ahnungslosigkeit war, der kann getrost das Parteiprogramm der Linken vergessen und sollte auch nicht zuhören, wenn SPD und Grüne nur ihre Ressentiments auf den neuesten Stand bringen. Besser sollte er Michael Lewis lesen, den Autor der Stunde: Sein neues Buch „Boomerang“ ist soeben auf Englisch erschienen (Deutsch im November).

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