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Globalisierungskritik : Der gute Gewissensbiss

  • -Aktualisiert am

Wachtumsskepsis: Ein Attac-Anhänger protestiert gegen Kohle- und Atomenergie Bild: dpa

Gralshüter radikaler Positionen: Das Netzwerk Attac Deutschland versammelte in Berlin zweitausende Bewegte zu einem Kongress. Einig ist man sich nur darin, vom Wachstumsparadigma Abschied nehmen zu wollen.

          3 Min.

          Die Wirtschaft muss wachsen, so lautet das Glaubensbekenntnis jedes Wirtschaftsstudenten. Stagnierte oder schrumpfte sie sogar, dann würden wir arbeitslos und könnten uns all das nicht mehr leisten, was wir begehren. Aber kaufen die Menschen in den modernen Überflussgesellschaften nicht ohnehin Dinge, die zu konsumieren sie gar keine Zeit mehr haben? Ist das Wirtschaftssystem nicht getrieben von einem Wachstumszwang, der obendrein die Umwelt zerstört? Und haben wir das alles nicht vor fast vierzig Jahren schon einmal gehört?

          1972 hat der „Club of Rome“ die Debatte über die „Grenzen des Wachstums“ angeregt, als Hungersnöte, Umweltkatastrophen und Kriege als Vorboten der Apokalypse gedeutet wurden. Heute, nach der Finanzkrise und Fukushima, liegt wieder Wachstumsskepsis in der Luft. „De-Growth“ heißt die Bewegung im angelsächsischen Raum, „decroissance“ in Frankreich, und in Deutschland, etwas sperriger: Postwachstumsökonomie.

          Auftritt der indischen Ökofeministin Vandana Shiva

          Das globalisierungskritische Netzwerk Attac Deutschland will sich einmischen in diese neue, alte Debatte, die seit kurzer Zeit bei Linken und Grünen zart zu knospen beginnt. „Jenseits des Wachstums!?“ lautete das Motto eines Kongresses, der am Wochenende zweitausend Bewegte nach Berlin zu vielen Diskussionsveranstaltungen lockte. Attac, das in Deutschland etwa 25.000 Mitglieder zählt, verspricht sich wohl auch die Wiederbelebung von Aufmerksamkeit; im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise war es eher still geworden um die Globalisierungskritiker, die sich mit der Forderung nach einer Regulierung der Finanzmärkte vor dreizehn Jahren einen Namen gemacht haben.

          Die Ökonomen rechnen falsch, sagt die Quantenphysikerin und Alternative Nobelpreisträgerin Vandana Shiva

          Im Audimax der Berliner TU ließ Attac keinen Zweifel daran, dass es sich als Gralshüterin radikaler Positionen versteht. So zerlegte die indische Ökofeministin Vandana Shiva das gängige wirtschaftswissenschaftliche Ökonomieverständnis. Ökonomen rechneten falsch, kritisierte die kleine Frau im saphirgrünen Sari die wirtschaftswissenschaftliche Zunft; denn weder die Natur noch die unbezahlte Haus- und Fürsorgearbeit würden Ökonomen in ihren Wachstumsmodellen berücksichtigen. Die Trägerin des Alternativen Nobelpreises plädiert für eine Abkehr vom sogenannten Wachstumsparadigma und bekam viel Applaus dafür.

          Keinen „Green New Deal“

          Weniger beliebt war auf dem Kongress hingegen das mit „Green New Deal“ zeitgenössisch anglizistisch betitelte Wachstumskonzept der Grünen, für das der Europaabgeordnete Sven Giegold am Samstag zu werben versuchte. Es könne weiterhin viel produziert werden, und dazu noch ökologisch nachhaltig, wenn Politiker und Unternehmer komplett auf erneuerbare Energien setzten, sagte Giegold. Ein neuer Ökosektor würde moderne Ökoprodukte herstellen und neue Ökoarbeitsplätze schaffen.

          Als „Öko-Kapitalismus“ war diese Vision bei den vielen Linken im Publikum verfemt. „Green New Deal“ erwecke die falsche Illusion, es existierte eine „Win-Win-Situation“ für Wirtschaft, Gesellschaft und die Natur gleichermaßen, kritisierte Birgit Mahnkopf aus dem wissenschaftlichen Beirat von Attac. Die Berliner Professorin für Politikwissenschaft stellte die kapitalistische Wirtschaftsweise samt globaler Arbeitsteilung radikal in Frage, die in ihrem grenzenlosen Hunger nach grenzenlosem Wachstum auch die letzten gesellschaftlichen Bastionen wie Bildung und Gesundheit den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterwerfen wolle.

          Solidarische Nutzung von Gemeingütern?

          Giegolds Ansatz ist pragmatischer. Wie solle man den Menschen in der Kneipe um die Ecke so etwas intellektuell Aufgeblasenes wie ein „Postwachstumsparadigma“ vermitteln, fragte der Politiker, der früher selbst Attac-Aktivist war und stieß auch bei diesem Einwand auf Widerspruch. Die vielen Dissonanzen in Berlin mögen auch daran gelegen haben, dass Attac seinen Kongress gemeinsam mit den politischen Stiftungen der Sozialdemokraten (Friedrich-Ebert-Stiftung), der Grünen (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Linken (Rosa-Luxemburg-Stiftung) organisierte. Wie weit die Positionen auseinander lagen, konnte man auf vielen Podien beobachten, wenn etwa linke Urgesteine mit der „Commons-Bewegung“ und einer solidarischen Nutzung von Gemeingütern sympathisieren, Gewerkschaftssekretären aber vor allem die Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung als Herzenswunsch nannte.

          Viele jüngere Globalisierungskritiker trieb eher die Frage um, wie sie ihre Bedürfnisse nach Konsumgütern und Lebensstilen in Einklang mit ihrem ökologischen und sozialen Gewissen bringen können. Der jugendliche Moderator eines Podiums brachte es so auf den Punkt: „Meine linke Hirnhälfte findet die Argumente für eine Postwachstumsökonomie plausibel. Meine rechte will das neue iPad.“

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