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Individualismus : Vom Achtsamkeits-Milieu nicht täuschen lassen!

Omm: Die einschlägige Kulturindustrie konzentriert sich auf Ruhe und Entspannung, dabei geht es eigentlich gar nicht nur darum. Bild: plainpicture/Westend61/Robijn Pa

Kann Meditation das moralische Empfinden schwächen, indem sie Schuldgefühle und schlechtes Gewissen ausblendet? Eine Studie gibt den Kritikern der „McMindfulness“-Branche neues Futter.

          4 Min.

          Im „European Journal of Social Psychology“ erschien kürzlich ein Aufsatz, der einem überraschenden Verdacht nachging: Schwächt die „Achtsamkeit“, diese auch über Wellnesszirkel hinaus in westlichen Gesellschaften so weit verbreitete Meditationsübung, deren wohlklingender Name Sensibilität, Umweltbewusstsein und Empathie auf unbestimmte Weise zu einer Art Super-Ethik zusammenfasst, schwächt eben diese Achtsamkeit in Wirklichkeit das moralische Empfinden? Die Hypothese von Simon Schindler, Marc-André Reinhard (beide Kassel) und Stefan Pfattheicher (Aarhus) fußt darauf, dass es bei der aus dem Buddhismus abgeleiteten Meditationsform um eine „nicht urteilende“ Konzentration auf die Erfahrung jedes einzelnen Augenblicks geht. Hat diese Art Entleerung nun nicht nur die in vielen Studien belegte Wirkung, von Stress und anderen destruktiven Emotionen zu befreien, sondern auch von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen, selbst wenn diese durchaus angebracht wären?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zwei der fünf Versuche, die die Forscher unternahmen, bestätigten den Verdacht. Bei dem einen wurden die Versuchspersonen mit dem Szenario konfrontiert, dass das Fahrrad eines Freunds deswegen gestohlen wurde, weil sie vergessen hatten, es abzuschließen; sie sollten nun angeben, wie viel Geld sie eine Woche danach für ein Geburtstagsgeschenk für eben diesen Freund investieren würden. Nun gaben diejenigen, die sich zuvor bei einer kurzen Achtsamkeitsmeditation auf ihr Ein- und Ausatmen konzentriert hatten, eine im Durchschnitt signifikant geringere Summe an als diejenigen, die nicht meditiert hatten. Offenbar, folgern die Autoren, hatte die Meditation ihre Reue und ihren Willen zur Wiedergutmachung stark abgemildert.

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