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Streit ums Alte Testament : Hiobs Botschaft

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An uralte theologische Konflikte muss erinnern, wer die aktuelle Aufregung um eine behauptete Wiederkehr von Antijudaismus in der protestantischen Universitätstheologie Deutschlands verstehen will. In einem Graduiertenkolleg des „Theologischen Arbeitskreises Pfullingen“, einem eingetragenen Verein kirchennaher und an sehr speziellen dogmatischen Sprachspielen interessierter protestantischer Theologieprofessoren, hatte der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende Systematische Theologe Notger Slenczka 2013 einen schon im ersten Satz als Provokation angekündigten Vortrag über „Die Kirche und das Alte Testament“ gehalten.

Gemeinsam mit vier weiteren beim selben Anlass von protestantischen Professoren gehaltenen Vorträgen erschien sein Text bald in einem akademischen, „Das Alte Testament in der Theologie“ betitelten Jahrbuch.

Natürlich war mit „Theologie“ die eigene gemeint, und da es „den Pfullingern“ auch um Netzwerkbildung und Berufungspolitik im Fach geht, waren Juden und Katholiken gar nicht erst eingeladen; man bedarf ihrer nicht, um selbst zu bestimmen, wozu man das Alte Testament braucht oder sich aneignet.

Kaum jemand nahm von all dem Notiz, vielleicht auch deshalb, weil sowohl die Herausgeber als auch die anderen Autoren des Bandes klar erkennbar zu Slenczka auf Distanz gegangen waren. Denn der Berliner Systematiker, derzeit stellvertretender Vorsitzender des Vereins, hatte Dinge behauptet, die schlicht nicht zutreffen, etwa dass Christen in ihrer Frömmigkeitspraxis Texten des Alten Testaments „faktisch ... einen minderen Rang im Vergleich zu den Texten des Neuen Testaments zuerkennen“.

Und was ist mit den Psalmen?

War dieser Theologieprofessor niemals bei einer christlichen Beerdigung, in der mit Psalmen unserer Sterblichkeit gedacht wurde? Hat er niemals über Texte aus der Genesis gepredigt, Geschichten vom befreienden Exodus aus Zwang und Gefangenschaft nacherzählt oder mit Hiob an Gott gelitten? „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade des Herrn aber währt von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Brauchen wir solcher Texte nicht mehr zur religiösen Selbstreflexion?

In den sogenannten „Perikopenordnungen“, den Vorgaben der evangelischen Landeskirchen für die in den Gottesdiensten zu lesenden Bibeltexte, ist das Alte Testament in den letzten 30 Jahren deutlich aufgewertet worden. Denn es bietet einen reichen Schatz wunderschöner religiöser Lyrik über Leben und Sterben, auch Glück und Leid, spannende Geschichten über Hoffnung und Enttäuschung sowie faszinierende Reflexionsprosa zum Seelenkampf des Einzelnen ob der eigenen Widersprüchlichkeit.

Eine Bibel ohne Lot? Albrecht Altdorfers Gemälde von 1537 zeigt Lot und seine Töchter.

Slenczka vertrat die steile These, dass das Alte Testament für die Christen nie dieselbe Bedeutung wie das Neue Testament haben könne. Mit konventionell gearbeiteten, ahistorischen Referaten zu bedeutenden Theologen des modernen deutschen Protestantismus wie Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack und Rudolf Bultmann wollte er zeigen, dass das Alte Testament für „das christlich-fromme Selbstbewusstsein der Gegenwart“ nicht mehr relevant sei, könne doch der Christ von heute mit diesen ganz alten Texten nur „fremdeln“.

So bestritt er in eigensinniger Konsequenzmacherei die „Kanonizität“ des Alten Testaments und wollte es im kirchlichen Leben nur noch wie „die Apokryphen“ genutzt sehen. Warum sein Christ von heute bei so furchtbaren neutestamentlichen Texten wie der gewaltreichen Johannesapokalypse keine Gefühle von „Fremdheit“ empfindet, sagte er allerdings nicht.

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