https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kann-der-rioplus30-gipfel-unseren-planeten-retten-17661889.html

Konferenz Rioplus30 : Ist der Planet noch zu retten?

Das Ringen um die Stabilität des Planten geht nach fünf schwierigen Jahren nun in die entscheidende Phase. Bild: Getty

Die Umweltdiplomatie steht vor fast unlösbaren Aufgaben für das Planetenmanagement. Dennoch richten sich auf die Konferenz „Rioplus30“ große Hoffnungen.

          3 Min.

          Grüne Theatralik gehört inzwischen zu jedem Weltklimagipfel wie die Robe zur Gala, ja zum Klimaschutz überhaupt, weshalb die Blicke im kommenden Sommer schon lange vor dem nächsten UN-Klimagipfel in Sharm El-Sheikh nach Stockholm und nach Rio de Janeiro gerichtet sein werden. Letzteres könnte dann zum Schauplatz für einen ökologischen Festakt der besonderen Art werden. „Rioplus30“ soll zur Wiederaufnahme des damals so genannten „Erdgipfels“ werden. Mit ihm hatte sich der damalige christdemokratische Bundeskanzler und Wiedervereinigungsheld Helmut Kohl als Mitgründer einen Namen gemacht, allerdings auch nicht viel mehr. Denn die allenfalls grünmelierte Realität hatte den bundesrepublikanischen Alltag schnell eingeholt. So schnell wie seinerzeit nach Stockholm, wo die Vereinten Nationen in der ersten Junihälfte zum ersten Mal überhaupt einen globalen Umweltgipfel einberufen hatten – ziemlich genau ein halbes Jahrhundert vor Rioplus30. Ganze 112 Länder waren damals in die schwedische Hauptstadt gereist, China war nicht dabei.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das in vielen Ländern erwachende Umweltbewusstsein mündete in eine Stockholmer Deklaration, die eine saubere Umwelt als Menschenrecht verstanden haben wollte. Das Echo dieser unverbindlichen diplomatischen Losung wird man im kommenden Jahr in den unterschiedlichsten Facetten wieder hören. Denn dass die damals schon thematisierten weltumspannenden Umweltprobleme mit den mittlerweile zahlreich eingesetzten Gremien und Konferenzen gelöst werden konnten, lässt sich beileibe nicht behaupten. Der bisher größte Erfolg gelang zweifelsohne mit dem „Montreal-Protokoll“. Der tödliche Abbau der Ozonschicht in der Atmosphäre wurde mit dem Verbot der schädlichsten FCKW-haltigen Industrieprodukte aufgehalten. Aber insgesamt wurde die ökologische Krise des Planeten nicht kleiner, im Gegenteil, die Kennzahlen für intakte Natur, Luft, Wasser und Organismen bewegten sich immer weiter in den roten Bereich. Zumindest diplomatisch stoppte die Rio-Konferenz diesen Abwärtstrend, indem sie mit der „Agenda 21“ und fast einem halben Dutzend Umwelt- und Naturschutzkonventionen – darunter die Klimarahmenkonvention UNFCCC - ein ganzes Kompendium an umweltpolitischen Absichten vorlegte. Die ökologische Realität hinkt dem bis heute hinterher.

          F.A.Z. Quarterly: das vorausdenkende Magazin für die Visionen und Ideen unserer Zukunft

          Hier mehr erfahren

          Was also ist nach der Weltumweltkonferenz von Stockholm und dem Erdgipfel von Rio auf dem Master zu erwarten in diesem Doppeljubiläumsjahr? Eigentlich ist es sogar ein Triple. Denn mit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 haben noch einmal an die zwanzigtausend Diplomaten in Johannesburg zugesichert, die Instandhaltung des Planeten langfristig sicherzustellen. Zum ersten Mal waren konkrete Zahlen genannt und „Millenniumsziele“ aufgeschrieben worden. 2010 sollte der Rückgang der Artenvielfalt „drastisch reduziert“, 2012 der Schutz der Meere auf zehn Prozent der Ozeane sichergestellt, 2015 die Zahl der Armen weltweit um eine halbe Milliarde verringert und bis 2020 eine „Minimierung“ der Umwelt- und Gesundheitsschäden durch Chemikalien realisiert sein. Nichts davon ist erreicht worden, und deshalb dürfte all das noch mal auf dem Rioplus30-Gipfel auf die Agenda gesetzt werden. Einzig das Leitbild – „Nachhaltigkeit“ – scheint den Johannesburg-Aktionsplan unbeschädigt überlebt zu haben.

          Tatsächlich geht heute in der Umweltpolitik wie in der Wirtschaft ohne den Nachhaltigkeitsbegriff nichts mehr, und vielleicht ist genau diese ubiquitäre Verwendung dieser Formel der Grund, warum alle plötzlich die Umwelt mit auf der Rechnung haben. Wer die Gesellschaft ökonomisch oder sozial nachhaltig gestalten will, muss ökologische Nachhaltigkeit mit auf die To-do-Liste nehmen. Im Grunde geht es dabei vor allem um Stabilität: stabile Umwelt, stabile Ressourcen, stabile Systeme. Und nichts symbolisiert die drohende ökologische Instabilität mehr als die Klimakrise, deren Lösung schon zu Zeiten des Stockholmer UN-Gipfels wissenschaftlich debattiert wurde, aber als globales Menschheitsprojekt erst mit dem Pariser Klimavertrag von 2015 so richtig in Gang gekommen ist. Schon deshalb wird auch der Rioplus30-Gipfel im Juni ganz im Zeichen der klimabedingten Katastrophen stehen. Nicht zu Unrecht: Der Absturz der klimatischen Stabilität ist inzwischen zum einzigen gemeinsamen Nenner jedes Umwelt-, Wirtschafts- und Sicherheitsgipfels der fast zweihundert UN-Staaten geworden. Wie die Auswertung von mehr als hunderttausend wissenschaftlichen Veröffentlichungen jüngst gezeigt hat, ist die menschengemachte Erderhitzung für inzwischen 85 Prozent der Menschheit spürbar.

          Noch besser als im Spüren aber ist der Mensch im Verdrängen und Verschieben. Selbst die zwei Dutzend Staaten auf der Welt, die mit ihren steten Emissionsreduktionen als Vorreiter einer nachhaltigen Klimapolitik angesehen werden – darunter 22 Staaten aus Europa, inklusive Deutschland –, sind noch immer nicht auf einem Pfad unterhalb von zwei Grad Maximalerwärmung, verglichen mit der vorindustriellen Zeit. „Kohle“, die Hauptquelle der historischen Klimalast, war auf dem Klimagipfel in Glasgow in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt als Kern der Lösung erwähnt worden. Alles geht zu langsam im Fossilzeitalter, gleichzeitig wird politisch fast alles komplizierter. Der Nord-Süd-Konflikt wird mit dem wachsenden und konkurrierenden Einfluss von China und Indien nicht geringer, das „Regelbuch“ für die Pariser Klimaziele steht. Aber das Fenster schließt sich. Sollte in diesem Jahrzehnt, quasi sofort also, die globale Trendwende nicht endgültig geschafft werden, darüber wird man sich beim großen Palaver von RioPlus30 sicher einig werden, steht die Umweltdiplomatie vor fast unlösbaren Aufgaben für das Planetenmanagement.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Ricarda Lang im Paul-Löbe-Haus in Berlin

          Ricarda Lang im Porträt : Der neue Habeck

          Ricarda Lang will Chefin der Grünen werden – mit gerade mal 28 Jahren. Sie muss die Partei zusammenhalten, wenn die Ampel-Kompromisse weh tun. Leicht wird das nicht.
          Versammelte Truppen auf einem Übungsplatz in Brest, Belarus

          Risiko-Index : Die Kriegsgefahr ist messbar

          Ökonomen ist es gelungen, geopolitische Risiken in Echtzeit zu messen. Die aktuellen Ausschläge sind bedenklich – die wirtschaftlichen Folgen absehbar.