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Kampfpilotin Nadija Sawtschenko : Mit Ambitionen aus dem russischen Casting-Knast

Feministin? Chauvinistin? Populistin? Oder Heldin? Nadija Sawtschenko im ukrainischen Parlament Bild: Reuters

Sie war Kampfpilotin, in Gefangenschaft, in russischer Haft und im Hungerstreik. In der Ukraine ist Nadija Sawtschenko ein Popstar. Und will Präsident werden

          6 Min.

          Sie sagt Pilot. Sie sagt Präsident. Und nicht Pilotin. Präsidentin. Das sagt Nadija Sawtschenko, weil es diese Worte im Russischen nur als Maskulinum gibt. Pilot war sie. Präsident will sie werden. Sie sagt es so: „Ich will es nicht, ich kann es. Und weil ich es kann, muss ich es machen.“ Ihr Gesicht zeigt eine Härte, doch es ist nur der Jungen-Haarschnitt, der sie sichtbar macht. Ihre Züge, der Mund, die Augen, die Nase, sind zart und sind weiblich. Nadija Sawtschenko sieht in der Wirklichkeit nicht so aus wie Nadija Sawtschenko im Fernsehen.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Frau, die im Jetzt und im Westen die berühmteste Ukrainerin ist, nach Julija Timoschenko mit dem berühmten Julija-Timoschenko-Haarkranz, brachte die russische Haft ins Fernsehen. Denn russische Haft läuft, wie Castingshows laufen. Es kommen Tausende Kandidaten in die Gefängnisse – gezwungenermaßen. Und von Tausenden schaffen es einige, Popstars zu werden: der Oligarch Michail Chodorkowskij, die Pussy-Riot-Girls. Und jetzt: Nadija Sawtschenko.

          Ihre Casting-Knast-Story geht so: Die Kampfpilotin zieht im Juni 2014 an die Front in die Ostukraine, nach zwei Wochen nehmen sie dort Separatisten gefangen, sie wird nach Russland verschleppt. Dann ein Prozess, typisch russisch, mit typisch kreativen, manipulierten Beweisen. In der Untersuchungshaft tritt Sawtschenko in den Hungerstreik, wird in der Ukraine in Abwesenheit zur Abgeordneten der Werchowna Rada gewählt und in Russland im März 2016 wegen Beihilfe zum Mord zu 22 Jahren Lager verurteilt. Sie hungert wieder. Und dann tauscht Putin sie aus gegen zwei „russische Bürger“, die auch im Osten gekämpft haben, wie viele „russische Bürger“ es in der Ukraine so machen. Als Sawtschenko im Mai den ukrainischen Boden barfuß betritt, jagen sie Kameramänner, jagen sie Frauen mit Mikrofonen. Sie ist ein Popstar, hält Reden, aus denen Patriotismus herausquillt und eine Verachtung der Politik. Und jetzt? Jetzt liegt sie in Umfragen vor Petro Poroschenko, die Ukrainer wünschen sich Sawtschenko als Präsidenten. Das Wort „Präsidentin“ gibt es auch in der ukrainischen Sprache nicht.

          Wie sieht eine Heldin so aus?

          Seit zwei Jahren, seit den Morden auf dem Majdan, wird diese Sprache von dem Wort „Held“ überflutet. Denn das Land ist im Krieg, und es will Helden. Überall in der Ukraine erzählen sich Menschen von ihnen. Auch Sawtschenko ist eine Heldin, zumindest hat sie einen Orden, der sie so nennt. Und wie sieht so eine Heldin aus? An diesem Augusttag in Kiew wie eine Büroangestellte. Sie trägt ein weißes Hemd, dazu dunkle Jeans, dazu Ballerinas. Und dann umgibt sie auch noch dieses Büro ihrer Partei „Vaterland“ – wäre da keine ukrainische Karte an einer Wand, könnte es auch ein deutsches Bürgeramt sein.

          Sawtschenko wirft sich ein Tuch über die Schultern und erzählt vom Krieg in der Ostukraine, wie eine gealterte Diva, die von alten Zeiten erzählt. Als Freiwillige ging Nadija Sawtschenko in diesen Krieg, nicht offiziell als Soldatin ihrer Brigade. Denn die ukrainische Armee wollte sie nicht. „,Solange wir hier Männer haben, kommen wir ohne Weiber zurecht’, schrieb mir mein Kommandant. Er ließ mich nicht an die Front, beurlaubte mich“, sagt sie sehr ruhig.

          Der Wahnsinn, den sie immer performt, fehlt jetzt – in ihrer Sprache, in ihren Augen, in ihren Gesten. „Auch ich mag keine Frauen in der Armee“, sagt sie auf einmal und sieht dann doch wie Nadija Sawtschenko aus dem Fernsehen aus, „Wenn eine Frau in die Armee geht und eine Frau sein will, hat sie dort keinen Platz. Die Armee braucht Professionalität, kein schwaches Geschlecht.“ Ist sie überhaupt Feministin? „Ob ich Feministin bin oder doch Chauvinistin, das wird man noch sehen“, sagt sie.

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