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Kampf um die Frauenquote : Warum klappt das mit den Frauenrechten nicht?

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Zwischen Pflaumenkuchen und Extremfeminismus

In London sehe ich weit und breit keine Frauenbewegung, dafür aber viele erfolgreiche, sehr pragmatische Karrierefrauen. Begegne ich ihnen am Schultor oder bei einem Abendessen, fragen sie mich immer wieder nach Angela Merkel, „der wichtigsten Frau in Europa“. Gerade lief im Radio 4 der BBC ein Interview mit der Merkel-Biographin Margret Heckel. Eine gute Viertelstunde Seminar, wie die Bundeskanzlerin Macht ausübt und behält. Die englischen Frauen hören, dass Angela Merkel nur in den Kampf zieht, wenn sie weiß, dass sie ihn gewinnt. Dass sie keine streitbare, eiserne Lady ist, sondern Kompromisse sucht. Sich um des Koalitionsfrieden willen eher für das Betreuungsgeld ausspricht, auch wenn sie davon privat nichts hält. Dass sie nach dem Prinzip des trial and error operiert: Funktioniert etwas nicht, wird der Kurs geändert. Aber der weibliche Machiavelli aus Germany ist offenbar eher ein Exportschlager - im hiesigen Frauennetzwerk war sie kein Thema.

Die britische Interviewerin fragte Margret Heckel, warum die Deutschen Merkel mögen. Weil sie so normal sei. „Und es ist jedes Jahr eine große Frage, ob Frau Merkel ihren berühmten Pflaumenkuchen backt.“ Die Interviewerin unterbrach: „Und hat sie ihn gebacken?“ Margret Heckel, ohne eine Spur von Ironie: „Wenn sie genug Zeit hat.“ Das markiert genau den Riss durch die deutsche Frauenbewegung, zwischen Pflaumenkuchen und Extremfeminismus, mit wenig Ironie.

Männer machen Fehler, wie Steinbrück

Die „New York Times“ beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Frauenfrage in der Reihe „The Female Factor“. Frauen und Männer schreiben darüber. Karrierefrauen erzählen, wie das geht mit der Macht in verschiedenen Ländern. Manche bieten sich als role models an, wie zum Beispiel Hillary Clinton oder die Journalistin Tina Brown, die große Frauen-Meetings organisieren auf der ganzen Welt und dort Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, Klassen und Religionen zusammenbringen, die alle an einem Strang ziehen: Es geht ihnen um Selbst- und Mitbestimmung, auch ganz oben. Wie sehr sich die Welt verändert hat, dafür steht Hillary Clinton als scheidende Außenministerin. Seit 1953 kooperiert das Museum of Modern Art mit den amerikanischen Botschaften bei dem Projekt „The Diplomacy of Art“, also Diplomatie durch Kunst. In diesem Jahr werden ein Dutzend Künstler mit einem Preis des Außenministeriums ausgezeichnet: sogar ein wenig mehr weibliche als männliche Künstler, was für Hillary Clinton „no big deal“ ist, es ist einfach normal.

Die Männer sind unter Druck, machen Fehler. Wie Peer Steinbrück. Einen nach dem anderen. Schuld sei der Frauenbonus. Da liegt er gar nicht so falsch. Vielleicht kommen die Quoten, die Frauen kommen bestimmt, das macht manchem verständlicherweise Angst. Die Zeiten stehen auf Wandel, auch für den Mann. Das zeigt der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner, der sich zurückzieht, weil er Zeit „für seine Familie“ haben will. Es gibt nicht nur den Anachronismus, dass Frauen sich in keiner Chefetage einer deutschen Bank finden. Es ist auch ungerecht, was mir eine Mitstreiterin des Frauennetzwerks erzählte: Sie sei in ihrer Abteilung nur von den Frauen als Gleichstellungsvertreterin gewählt worden. Was, wenn ein Mann käme, der sich stärker seiner Familie und seinen Kindern widmen will? Das sind die Zeichen der Zeit. Es geht nicht um Macht. Es geht um einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt.

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