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Kampf gegen „Rechtsabweichler“ : Über Maos Jagd darf heute niemand mehr reden

  • -Aktualisiert am

Genug geblüht: Vor fünfzig Jahren sagt Mao den „Intellektuellen” den Kampf an Bild: AP

Der Intellektuelle in China ist notgedrungen ein Denker unter Vorbehalt. Die Schockwellen der Kampagnen gegen „Rechtsabweichler“ im Jahr 1957 wirken fort. Mark Siemons aus Peking über die Situation fünfzig Jahre danach.

          6 Min.

          Was im heutigen China ein „Rechter“ oder gar ein „Rechtsabweichler“ sein könnte, ist nicht leicht zu sagen, nachdem die regierende Partei in den letzten Jahrzehnten selber alle nur denkbaren Richtungswechsel vollzogen hat. Aber so unklar das inhaltliche Kriterium auch geworden ist, scheint das Etikett doch immer noch eine magische Rolle zu spielen. Als Anfang des Jahres eine Liste verbotener Bücher bekannt wurde, sickerte auch durch, dass bei einem der Titel weniger das Thema - das Schicksal einiger berühmter Pekingoper-Sänger während der Kulturrevolution - für die Zensur ausschlaggebend war als die Person der Autorin. Dass der Verlag trotz aller Warnungen etwas „von dieser Person“ drucken wollte, soll laut Sitzungsprotokoll den verantwortlichen Zensor bei der Behörde für Presse und Publikationen mehr als alles andere entrüstet haben.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei dieser „Person“ handelte es sich um Zhang Yihe, die Tochter von Maos Transportminister Zhang Bojun, der vor fünfzig Jahren zum prominentesten Opfer der „Kampagne gegen Rechtsabweichler“ geworden war. Die Figur des „Rechten“ scheint in China weniger mit einem politischen Programm als mit Geschichte zu tun zu haben; man könnte auch sagen: mit dem Blut.

          Die Geschichtspolitik wird rigider

          So bizarr der Vorgang auch anmutet - allein die ebenfalls Anfang des Jahres erlassene Anweisung der Zentralen Propagandaabteilung der Partei, das Jubiläum der Kampagne nirgendwo zu erwähnen, zeigt, wie gegenwärtig dieses Ereignis des Jahres 1957 ist. Eine Autobiographie des Journalisten Dai Huang, der damals für 21 Jahre hinter Gitter kam, konnte Ende der neunziger Jahre ungehindert in zwei Auflagen erscheinen; jetzt aber wurde ihr eine dritte verwehrt. Ähnlich wie letztes Jahr beim Jubiläum der Kulturrevolution zeigt sich auch hier, dass die chinesische Geschichtspolitik mit dem Abstand zum Ereignis rigider wird. Aufgrund der staatlich verordneten Diskretion dürfte die „Kampagne gegen Rechtsabweichler“ einem Großteil der heute lebenden Chinesen unbekannt sein. Doch die Lage der chinesischen Intellektuellen ist ohne dieses Datum kaum zu verstehen.

          Schon 1956 hatte Mao unter dem Eindruck des Ungarnaufstands eine Rede über die „richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“ gehalten, in der er die Auffassung vertrat, der Sozialismus in der Volksrepublik sei bereits so reif, dass er nur noch „nicht-antagonistische Widersprüche“, Meinungsverschiedenheiten gewissermaßen unter Freunden, hervorbringe, sich also Selbstkritik erlauben könne. Um dem Unmut ein Ventil zu bieten, gab er die Parole aus: „Lasst hundert Blumen blühen / Lasst hundert Schulen miteinander wetteifern.“ Doch die Debatte, die nach einigem Zögern 1957 in Gang kam, kümmerte sich schon bald nicht mehr um die subtil konstruierte Unterscheidung zwischen antagonistischen und nicht-antagonistischen Widersprüchen. Die Intellektuellen innerhalb und außerhalb der Partei, die sich immer freimütiger zu Wort meldeten, forderten Marktwirtschaft auf dem Land, Autonomie der Hochschulen, Wahlen unter mehreren Parteien.

          550.000 Menschen verschwanden in Arbeitslagern

          Die Parteiführung schwieg wochenlang. Doch als sie dann im Juni 1957 die Debatte auf ihre Weise fortzusetzen begann, stand das Ergebnis schon fest. Mao vertraute dem aufstrebenden Deng Xiaoping die Leitung einer Kampagne an, wie sie China noch nicht gesehen hatte: Überall sollten die „Rechten“ entlarvt und in klassenkämpferischen Sitzungen unschädlich gemacht werden; als „Rechter“ galt vor allem, wer in den letzten Monaten für westliche Demokratie eingetreten war oder wer das Monopol der kommunistischen Herrschaft, die Landreform und die Außenpolitik kritisiert hatte.

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