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Kampf gegen Corona : Wie der Schweizer Sonderweg zum Debakel wird

Maskenpflicht auf dem Campus: Studenten an der Universität Zürich Bild: dpa

Höhere Todeszahlen als in den Vereinigten Staaten: In der Corona-Pandemie hat die Schweiz einen Sonderweg eingeschlagen. Endet er in einem Debakel für das Land?

          3 Min.

          „Sie sterben allein, in den Krankenhäusern, in den Altersheimen, in den kleinen Wohnungen“, beginnt Yves Petignat seine Chronik „Meine Schweizer Woche“ am vergangenen Wochenende in „Le Temps“. Petignat war Berlin-Korrespondent der Genfer Zeitung: „Unsere Kinder verrotten. Man stirbt an Covid, an Arbeitslosigkeit, am Lockdown.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „1.046 Tote in zwei Wochen – und die Schweiz schweigt“, titelte der „Blick“ einen Tag später: „Warum findet das große Sterben in der Öffentlichkeit so wenig Widerhall?“ Im Mai hatte Gesundheitsminister Alain Berset verkündet: „Wir können Corona.“ Er bewilligte Sportveranstaltungen mit Tausenden von Zuschauern und Konzerte mit Hunderten von Besuchern. Kinos, Museen, Restaurants, Geschäfte blieben geöffnet. In der Genfer Oper wurden zwischen geschlossenen Besuchergruppen Sitze freigehalten, am Platz herrschte keine Maskenpflicht. Jetzt ist die Sterbeziffer doppelt so hoch wie im Vorjahr, und die Toten werden in einem ehemaligen Industrielager zwischengelagert.

          Gesamtschweizerisch sind die Todeszahlen höher als in den Vereinigten Staaten. Die Regierung ist ratlos, ihre redseligen Gesundheitsexperten widersprechen sich und ihr. Die Schweiz ist schlechter und schlimmer als Trump und versinkt in einer Depression. Was tun? „Ich bin gerade im Zug und möchte aus Deutschland heraus keine Ratschläge geben“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Boulevard-Blatt „Blick“. Aber seine Kritik am Vorgehen der Schweizer ist brutal: „Vieles hat sie falsch gemacht“, ein „unverzeihliches Politversagen“ lautet seine Diagnose. „Ziemlich abgekanzelt“ hat er uns, befindet das Blatt. Und eine moralische Belehrung konnte sich der Deutsche auch nicht verkneifen: „Es ist wichtig, dass ich mich selbst schütze. Aber noch wichtiger, dass ich andere schütze. Wer sich nur selbst schützt, schützt nicht genug.“

          Tadel von der Weltgesundheitsorganisation

          Die „Süddeutsche Zeitung“ erklärt die eidgenössische Fahrlässigkeit mit der „Angst vor ökonomischen Verlusten“. Die Kritik kommt nicht nur aus Deutschland. Getadelt wird die Schweiz auch von der Weltgesundheitsorganisation: Sie fürchtet nach der zweiten Welle bereits eine dritte. Aus Griechenland wird die Präsidentin eines Ärzteverbands zitiert: „Wir würden niemals tun, was die Schweizer machen.“ Geld ist den Eidgenossen wichtiger als die Gesundheit, befindet sogar die renommierte amerikanische Zeitschrift „Foreign Policy“: „Die Schweiz stellt Sparsamkeit vor Menschenleben.“ So knüppeldick für das Land kam es zuletzt vor einem Vierteljahrhundert: Damals ging es um die „nachrichtenlosen Vermögen“ und das Verhalten im Krieg.

          Eine ähnliche Strategie wie die Schweiz verfolgt nur Schweden – vielleicht muss man sie mit der Verschonung im Zweiten Weltkrieg verstehen. Yves Petignat bemüht den einzigen Schweizer Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler, der 1914 das gespaltene Land zu einen versuchte. In der Pandemie wurde ein „Corona-Graben“ diagnostiziert. An Schuldzuweisungen und Klischees fehlt es nicht – an Verständnis und Solidarität sehr wohl. Die Dichter und die Philosophen sind im Winterschlaf. Ein Genfer Professor für „Anthropologie der Gesundheit“ macht sich im französischen Verschwörungsfilm „Hold-up“ einen Namen. Für ernsthafte Debatten sorgen fast ausschließlich deutschschweizer Ökonomen: Reiner Eichenberger plädiert für die Herdenimmunität, Willy Oggier will Corona-Rebellen hohe Strafgelder verordnen und Maskensündern die Pflege verweigern.

          „In der Schweiz sterben mehr Menschen an Covid-19 als in den meisten anderen Ländern“, stellte am  Mittwoch die „Neue Zürcher Zeitung“ fest – Titel: „Das tödliche Zögern im Oktober“. Am vergangenen Sonntag hatte sie sich über den „niederen Reflex der Schadenfreude“ entsetzt. Es ging ihr nicht um die weltweite Häme über das Debakel des selbstbewussten Musterschülers. Sondern um die Stimmung im Lande nach der deutschen Fußball-Schlappe gegen Spanien.

          Doch das Feindbild sind die Habsburger. „Fließt in den Adern der Österreicher immer noch Untertanenblut“, wundert sich der „Blick“ über den harten Lockdown: „Und berauscht seine temporäre, fast absolutistische Macht den erfolgsverwöhnten Jungkanzler tief im Geheimen doch?“ Konrad Staehelin, Wirtschaftsredakteur des „Tages-Anzeigers“, wittert einen unlauteren Angriff auf die Schweiz: „Vielleicht fahren die Deutschen alle zum Skifahren nach Österreich.“ Wer die Bilder vom Ansturm auf die Bahnen in Zermatt und Saas-Fee gesehen hat, kann sie verstehen. In Italien und Frankreich wird die Skisaison abgesagt. In der Schweiz geht sie weiter: Ski Heil.

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