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„Kampf der Kulturen“ : Wovon sprechen wir hier eigentlich?

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Eine kleine Vorurteilskunde Bild: F.A.Z.-Kat Menschik

Gibt es noch jemanden, der sich zum Kampf der Kulturen nicht geäußert hat? Und gibt es jemanden, der dabei etwas anderes als Unsinn redet? Ein kleines Glossar der Mißverständnisse. Von „Kopftuch“ bis „Migrationshintergrund“.

          Gibt es noch jemanden, der sich zum Kampf der Kulturen nicht geäußert hat? Und gibt es jemanden, der dabei etwas anderes als Unsinn redet? Ein kleines Glossar der Mißverständnisse. Von „Kopftuch“ über „Generalverdacht“ bis „Migrationshintergrund“.

          Dialog

          Seit den sokratischen Frage-und-Antwort-Spielen hält sich hartnäckig das Gerücht, man müsse nur lange und intensiv genug miteinander reden, um zuerst sich selbst zu erkennen, in der Folge den sogenannten anderen und am Ende sämtliche Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen. Daß im griechischen „dia“ das „auseinander“ aus „auseinandersetzen“ betont wird, gerät dabei genauso in Vergessenheit wie die Tatsache, daß es sich bei der Form strenggenommen um eine literarische Gattung handelt. Statt nach ästhetischen Maßstäben aber werden Dialoge zwischen den Kulturen wie die zwischen Ehepartnern immer an psychologischen gemessen; statt Witz oder gar Schlagfertigkeit zählen Tiefe, Ehrlichkeit und Intensität. Das Problem an interkulturellen Dialogen ist aber nicht, daß sie ständig scheitern; sie sind nur leider oft so schlecht geschrieben.

          Kultur

          Wenn offene politische Polemik mal wieder nicht opportun ist, weil irgendein finsteres Vorhaben, wäre sein Zweck denn bekannt, sich einfach nicht durchsetzen ließe, wird meistens auffällig laut von „Kultur“ geredet. Ohne den politischen Streit, ohne den Gegensatz von Rechts und Links hat das Wort in der Meinungs- und Wertungssphäre des Westens seit spätestens 1789 keinerlei erkennbare Funktion. Wo Rechte es seither gegen Linke in Stellung bringen, meinen sie eigentlich Ethnie, Religion, Rasse, Blut und Boden. Wo umgekehrt Linke sich damit gegen Rechte ins Mittel legen, geht es um Lizenzen für Rausch, Gotteslästerung, Schweinkram und Wehrkraftzersetzung. Weil diese massive Zweideutigkeit fremdländische Personen regelmäßig schwer durcheinanderbringt, da bei denen der Gegensatz zwischen Rechts und Links keine zweihundert Jahre Zeit hatte, sich herauszubilden und praktisch zu bewähren, empfiehlt es sich im Interesse der Völkerverständigung, auf den Bastardbegriff „Kultur“ in Zukunft ganz zu verzichten und lieber gleich von Ethnie, Religion, Rasse, Blut, Boden, Rausch, Gotteslästerung, Schweinkram und Wehrkraftzersetzung zu reden. Zusatzvorteil: Die Fremden merken endlich, was hierorts gespielt wird, und kriegen folglich dieselbe schlotternde Angst vor uns, die wir vor ihnen längst haben. So ließe sich's miteinander auskommen.

          Gefühle

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