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„Kampf der Kulturen“ : Wovon sprechen wir hier eigentlich?

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Wurzeln

Der Begriff der „kulturellen Wurzeln“ gehört nicht zu den kulturellen Wurzeln Europas: In den ehrwürdigen alten Lexika gibt es mathematische und biologische Wurzeln an der Zahl, aber keine kulturellen. Das mag damit zusammenhängen, daß Wurzeln im europäischen Bildungsreservoir eindeutig negativ belegt sind. Wo Wurzeln sind, hat jemand etwas gründlich falsch gemacht, das kann man in Ovids „Metamorphosen“, die man sicherlich zu unseren kulturellen Wurzeln zählen muß, nachlesen: Da verpfeift die schöne, eifersüchtige Clytie die Geliebte des Apolls an ihren Vater, der ist so erbost über die Affäre seiner Tochter Leucothoe, daß er sie lebendig begraben läßt, und auch Apoll kann nichts mehr ausrichten, seine Sonnenstrahlen lassen aus dem Leichnam nur noch Wurzeln und einen Weihrauchsproß wachsen. Dann will der von Amor verzauberte Apoll Daphne lieben, die aber wird von ihrem Vater, dem Flußgott Peneius, in einen Lorbeerbaum verwandelt, und noch bevor er sie umarmen kann, wachsen aus ihren Füßen schon Wurzeln: „In frondem crines, in ramos brachia crescunt, / Pes modo tam velox pigris radicibus haeret.“ Wenn etwas in der europäischen Mythologie verwurzelt ist, dann ist es der negative Charakter von Wurzeln. Jesus Christus war ein Wanderer, ein Migrant, und Europa, das wissen wir ebenfalls von Ovid, ist bekanntlich erst mal kein politischer Staatenbund, sondern die sehr schöne Tochter des phönizischen Königs Agenor gewesen, die der griechische Gott Zeus mit böser List raubte - und so gesehen gibt es Europa mitsamt all seinen biologischen und mathematischen und kulturellen Wurzeln überhaupt nur wegen eines dreisten Raubzuges marodierender griechischer Götter im Nahen Osten.

Multikulti

Der Begriff wird heute fast ausschließlich in Verbindung mit dem Adjektiv „gescheitert“ verwendet, und was damit gesagt werden soll, natürlich ohne es offen auszusprechen, ist das: Diese Linken, Grünen, das ganze alternative Gesocks mit seiner Vorliebe für Straßenfeste, Bauchtanzgruppen und kulturelle Differenzen aller Art hat letztlich schuld daran, wenn türkischstämmige Brüder an ihren unverschleierten Schwestern sogenannte Ehrenmorde verüben. Weiterhin will damit gesagt werden, daß die Bürgerrechte nicht bedingungslos jedem Bürger zustehen, sondern daß einer, der sie einfordert, bitte erst einmal nachweisen möge, daß er „Wanderers Nachtlied“ auswendig aufsagen kann. Dabei kommt der Multikulturalismus aus Amerika und besagt nichts anderes, als daß man den Nachfahren schwarzer Sklaven und chinesischer Einsenbahnarbeiter nicht erzählen darf, daß deren Ururururgroßeltern als sogenannte Pilgerväter mit der „Mayflower“ einst am Plymouth Rock gelandet seien. Sondern daß man sich vielleicht auch die Geschichten der schwarzen und chinesischstämmigen Amerikaner anhören könnte, weil die eben Teil der amerikanischen Geschichte sind. Für deutsche Verhältnisse kann das nur heißen: Der Multikulturalismus wird uns, nur zum Beispiel, türkischstämmige Deutsche bringen, die, weil es nicht leicht für sie war, Deutsche zu werden, mit Recht stolz darauf sein können, Deutsche zu sein. Und das wären doch Geschichten, die man sich gerne anhören würde.

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