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„Kampf der Kulturen“ : Wovon sprechen wir hier eigentlich?

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Freiheit

Wie die Freiheit der Kunst und die der Meinung sich zueinander verhalten, das konnte man sehr schön beobachten in der vergangenen Woche, am Beispiel des „Tagesthemen“-Kommentators, der sich von Muslimen seinen Mozart nicht nehmen lassen wollte. Ja, Idomeneo kommt aus dem Trojanischen Krieg zurück und trifft Mohammed zu Hause an: Die Freiheit, Unsinn zu inszenieren, trifft auf die Freiheit, Unsinn zu formulieren; wenn sonst Sex und Gewalt auf die Bühne kommen, brüllt vor Schmerz der Boulevard, der skandalisierte Regisseur darf sich freuen, und dieses zynische Spiel, bei welchem beide nur gewinnen können, wird einzig gestört von Leuten, denen es womöglich ernst sein könnte mit der Kunst. Oder gar mit ihrer Religion. Dieselben Leute, die den Kopf Mohammeds rollen sehen wollen, sind empfindlich gegen jede Verhöhnung ihres christlichen Bekenntnisses. Und während die sogenannte Öffentlichkeit den Kopf der Intendantin Kirsten Harms fordert, werden, weitgehend unbemerkt von dieser Öffentlichkeit, weiterhin Bücher verboten.

Generalverdacht

Generalverdacht ist das Zauberwort, ohne das kein Dialog über Islam und Islamismus funktioniert. Was ist gemeint? Gemeint ist, daß jeder, der sich zum Thema „Weltweite Bedrohung der Freiheitsrechte durch religiöse Fanatiker“ zu Wort melden möchte, das tunlichst nicht tun sollte, ohne zuallererst ein Bekenntnis abzulegen: das Bekenntnis, keinen Generalverdacht erheben zu wollen. Es handelt sich um eine Art Gesprächseröffnungsritual, das sich am besten mit einem Satz wie diesem absolvieren läßt: „Ich versichere, daß ich keinesfalls einen Generalverdacht gegen die muslimische Bevölkerung in Deutschland erhebe, wenn ich sage, daß ich mit einer gewissen Besorgnis die weltweite Bedrohung der Freiheitsrechte durch religiöse Fanatiker beobachte.“ Erst dieser Satz, so banal er Ihnen auch vorkommen mag, schützt den Kritiker des Terrors davor, seinerseits unter den Generalverdacht gestellt zu werden, als Terrorkritiker alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Das Ritual kann Ihnen nur in Fleisch und Blut übergehen, wenn Sie es auch anhand anderer Themen üben, üben, üben. Sprechen Sie mir nach: Ich bin gegen Ärztepfusch, möchte damit aber keinesfalls alle Ärzte in unserem Lande unter Generalverdacht stellen. Ich bin gegen Immobilienbetrug, möchte aber keinesfalls . . . Na, bitte: geht doch!

Fundamentalismus

Fundamentalisten sind in erster Linie an Oberflächen interessiert. Christliche Fundamentalisten wollen sichtbare Kruzifixe in Schulen, islamische studieren obsessiv kleinste Flecken sichtbarer Frauenhaut, und die Fundis der Grünen legten großen Wert auf Pullover, die nicht schon äußerlich von der Schönheit der inneren Werte ablenkten. Aber schon Alexander der Große hatte die Dialektik eines solchen Verhaltens durchschaut: Dort, wo der Gegner sich besonders fest panzerte und wohlbefestigt erschien, vermutete er dessen verwundbarste Stelle, griff sie an, und das war es dann. So kam er bis Asien. Fundamentalisten sind im Grunde so schwankend, daß sie sich permanent an irgendwas festhalten und aufregen müssen, es ist Ausdruck eines schwachen Charakters. Darum kommt es auch so oft vor, daß Fundamentalisten die Überzeugung wechseln, jeder kennt doch einen, der als Katholik begann, Marxist wurde, dann Maoist, Yoga entdeckte und die gesunde Ernährung, unterdessen schwul wurde, um schließlich als deutscher Patriot zu enden. Typen, die gern mal fünfe gerade sein lassen, die haut hingegen so schnell nichts um.

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