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„Kampf der Kulturen“ : Wovon sprechen wir hier eigentlich?

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Die Welt der Gefühle ist weit und unerforscht. Nicht daß es an Wissenschaftlern fehlen würde, die wissen, daß das, was wir als Glück empfinden, in Wahrheit Dopamin heißt und wie es chemisch aufgebaut ist. Über das Gefühl der Liebe meinen ohnehin alle Bescheid zu wissen, aber so gut wie nichts weiß man über die wirklich weltbewegenden Gefühle, die sogenannten religiösen nämlich, von welchen immer nur dann die Rede ist, wenn sie verletzt worden sind oder verletzt werden könnten. Das fängt schon damit an, daß es den Begriff nur im Plural gibt, religiöse Gefühle gibt es offenbar so viele wie Religionen, und diese himmelschreiende Unbestimmtheit paßt schon mal kein bißchen zu der rachsüchtigen Entschlossenheit, mit der diese Gefühle dauernd verteidigt werden. Es scheint sich mit diesen Gefühlen nicht viel anders zu verhalten als mit der sogenannten Ehre, welche in vielen Kulturkreisen ebenfalls etwas ist, das man sich nicht erwerben, sondern nur verlieren kann und dann aufwendig wiederherstellen muß. Theoretisch kommen die religiösen Gefühle also emotionalen Jungfernhäutchen gleich, praktisch erinnert der Umgang mit ihnen aber eher an jene Mädchen, die dem Sportlehrer jede Woche aufs neue erzählen wollten, sie seien unpäßlich: Kann es sein, daß diese ständigen Berufungen auf die Unantastbarkeit der religiösen Gefühle reines Simulantentum sind? Und ist die Religiosität hinter diesen religiösen Gefühlen dann vielleicht auch bloß eine gefühlte und keine echte? Müßte man nicht gerade dann mit Loriot sagen: Mit deinem Gefühl stimmt etwas nicht?

Werte

Kanonisch: Carl Schmitt, „Tyrannei der Werte“, Festschrift für Ernst Forsthoff, 1967; Ernst-Wolfgang Böckenförde, „Zur Kritik der Wertbegründung des Rechts“, Festschrift für Robert Spaemann, 1987. Werte sind ein Surrogat der Wahrheiten über Gott und die Welt, die das alteuropäische Naturrecht politisch ausbuchstabierte. Hume hat die Ableitung des Sollens aus dem Sein als Aberglauben verworfen, Wertgläubige setzen daher auf die Kopplung von Werden und Wollen. Werte sind Zielbestimmungen, die nicht einfach aus der Natur der Dinge folgen und mithin eingeschärft werden müssen. Werten liegt eine Wertung zugrunde, eine subjektive Präferenz, und es ist die Pointe der Wertethik, daß sie auch dieses Moment der Willkür positiv bewertet. Wertentscheidungen sind durch den Nachweis ihrer lokalen oder historischen Relativität nicht zu widerlegen. Eine Wertegemeinschaft läßt sich ihre Identität nicht nehmen und zieht aus dem Subjektivismus ihren Stolz - was das Bundesverfassungsgericht nicht daran gehindert hat, das Grundgesetz als Ausdruck einer objektiven Wertordnung zu lesen. Werte sind das Panier der Gesinnungsterroristen. Wo Liberale durch das Recht nur die äußere Freiheit des Verhaltens regulieren wollten, da wird im Namen der Werte innere Zustimmung verlangt. Alle Werte sind insofern innere Werte. Die Wertauswahl, die getroffen wird, um einen Wertkonflikt zu inszenieren, ist in Wahrheit keine Wertung. Gegen die Befreiung muslimischer Mädchen vom Schwimmunterricht wird die westliche Wertewelt aufgerufen, aber nur die Gleichheit von Mann und Frau angeführt. Das gleichfalls im Grundgesetz garantierte Erziehungsrecht der Eltern wird stillschweigend übergangen, nicht etwa wirklich für wertlos gehalten. Keineswegs sind die Deutschen in ihren Werteinstellungen Spartaner.

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