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Unschuldig auf Rikers Island : Es gibt kein Entkommen

Hochsicherheitsverwahrung im New Yorker Gefängnis Rikers Island Bild: AP

Nach mehr als drei Jahren rechtloser Haft hat sich ein junger schwarzer Amerikaner umgebracht. Als Kalief Browder ins Gefängnis auf Rikers Island kam, war er sechzehn. Was ihm geschah, ist unerträgliches Unrecht.

          3 Min.

          Kalief Browder hat sich am Samstag das Leben genommen, zwölf Tage nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Drei Jahre und fünfzehn Tage lang saß er in Untersuchungshaft. Ihm wurde der Raub eines Rucksacks zur Last gelegt. Als er am 15. Mai 2010 verhaftet wurde, war er sechzehn. Am 30. Mai 2013 wurde er aus der Haft entlassen, weil das angebliche Opfer, dessen Aussage das einzige Beweismittel war, in der Zwischenzeit das Land verlassen hatte. Diese Zwischenzeit verbrachte Kalief Browder auf Rikers Island.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Rikers Island: Den Namen kennt man auf der ganzen Welt. Man erwähnt dieses New Yorker Gefängnis nicht, ohne es berüchtigt zu nennen. Aber ist Rikers Island berüchtigt? Sind „schlechte Merkmale“ dieser Institution wirklich, gemäß der Definition des Dudens, „weithin bekannt“? Dagegen spricht, dass Mitteilungen über simpelste Einzelheiten der Funktionsweise des Gefängnisses geeignet sind, die Öffentlichkeit zu schockieren. Im Oktober letzten Jahres veröffentlichte Jennifer Gonnerman im „New Yorker“ einen langen Artikel über Kalief Browders Fall. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Rand Paul schildert seitdem Browders Leiden in den Reden, mit denen er seine Parteifreunde auffordert, auch in schwarzen Strafgefangenen Opfer des Staates zu erkennen. Und der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio verwies auf Browder, als er Reformen der Unterbringung junger Untersuchungsgefangener anordnete.

          Unglückliche Verkettung von Nicht-Ereignissen

          Drei Jahre Verschleppung sind auch im hoffnungslos überlasteten Justizapparat der Bronx eine Ausnahme. Alles, was in diesem System nicht in Ordnung ist, hatte sich gegen Kalief Browder verschworen. Aber kaum minder gruselig als die unglückliche Verkettung von Nicht-Ereignissen in diesem singulären Fall sind in Jennifer Gonnermans Artikel die Informationen über die Normalität im Gefängnis. Bei der Ankunft auf Rikers Island wurde Kalief Browder in einen Schlafsaal eingewiesen, den er sich mit etwa fünfzig anderen Jugendlichen teilte. Für die persönliche Habe steht ein Plastikeimer bereit. Der Eimer ist auch dafür da, dass der Gefangene mit Seife seine Wäsche waschen kann. Als Kalief Browder das zum ersten Mal gemacht hatte, hängte er seine Sachen über das Gestänge des Bettes. Am Morgen waren sie mit Roststreifen überzogen.

          New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio

          Die Alternative zu dieser Massenunterbringung ist die Einzelhaft. Im Einzelzellentrakt brachte Kalief Browder mehrere hundert Tage zu. Dort unternahm er mehrere Selbstmordversuche. Schon 2013 gab er im Videokanal der „Huffington Post“ ein zwanzigminütiges Interview, dem die große Resonanz des „New Yorker“-Artikels versagt blieb. In diesem Interview sagte er, dass er fünf- oder sechsmal Selbstmord begangen habe. Der Versprecher charakterisiert die Welt seiner Gefangenschaft: Der Ort, an dem es keinen Unterschied macht, ob ein Selbstmordversuch gelingt oder misslingt, ist die Hölle.

          Tapfer gab Kalief Browder eine menschenfreundlichere Deutung der Gewalt gegen sich selbst: Er wollte die Suizidversuche als Handlungen verstanden wissen, die auch in der absoluten Isolation einen sozialen Zusammenhang voraussetzten. Den Strick aus dem zerrissenen Bettlaken und die aufgeschnittenen Pulsadern erklärte er als Hilferufe. Auf Rikers Island wurden sie nicht gehört. Nur einmal sei er in Behandlung geschickt worden. Die übrigen Versuche hätten neue reglementswidrige Bestrafungen ausgelöst. Der Wärter, der den Strick durchschnitt, habe ihn aufs Bett geworfen und verprügelt. Dann sei ihm tagelang die Nahrung verweigert worden. Dieses Aushungern beschrieb Kalief Browder als gängige informelle Strafe auch für andere Disziplinverstöße.

          Schon der Anfang fehlt

          Der Interviewer fragte ihn, warum er öffentlich von diesen Schreckenserfahrungen spreche. Kalief Browder wollte seine Geschichte erzählen, damit anderen nicht dasselbe widerfahre. Auf Rikers Island seien noch viele Unschuldige eingesperrt. Bürgermeister de Blasio hat in seiner Beileidsbekundung das Stichwort von der Geschichte aufgenommen. Sie habe die jüngsten Strafvollzugsreformen „inspiriert“. Kalief Browder sprach von seiner „Story“, um dem, was ihm passiert war, einen Sinn zu geben. Im Munde jedes Unbeteiligten ist diese Vokabel eine Beschönigung. Dem, was man mit Kalief Browder gemacht hat, fehlt der elementare nachvollziehbare Zusammenhang, das logische Minimum für eine Geschichte. Es fehlt schon der Anfang: Der vermeintlich Beraubte war sich noch nicht einmal sicher, wann die Tat geschehen war.

          Kalief Browder saß über drei Jahre in Untersuchungshaft im New Yorker Gefängnis Rikers Island.

          „Before the Law“ schrieb Jennifer Gonnerman über ihren Artikel: ein Kafka-Zitat. Aber wenn man eine Justizbürokratie kafkaesk nennt, die für ein „zügiges Verfahren“ die Anklageerhebung nach sechs Monaten vorschreibt, aber den Urlaub von Staatsanwälten auf dieses Zeitkonto draufschlägt, ist auch das verniedlichend. In den Einzelzellen auf Rikers Island gibt es keine Klimaanlagen. Am Samstag riss Kalief Browder in der Wohnung seiner Mutter den Air Conditioner aus der Wand. Er legte sich das Kabel um den Hals und ließ sich durch das Loch in der Wand ins Freie fallen. Kalief Browder hat Rikers Island nie verlassen.

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