https://www.faz.net/-gqz-91l7b

Jutta Ditfurth im Gespräch : Die Provokation bin ich

  • -Aktualisiert am

Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth (Archivbild) Bild: Claus Setzer

Starres Konzept, klare Rollenverteilung: Talkshows sind kein Ort für gute Diskussionen. Warum lohnt es sich trotzdem hinzugehen? Und kann man die vorgesehene Dramaturgie durchbrechen?

          Die Wahl-Interviews und das TV-Duell sind vorbei, nun übernehmen die Talkshows von Anne Will, Frank Plasberg oder Maybrit Illner wieder das Gespräch über Politik im Fernsehen. Oder was man dafür hält, denn in diesen Sitzkreisen geht es auch um Youtube-kompatible Aufreger. Wie im Juli, als der CDU-Mann Wolfgang Bosbach eine Maischberger-Sendung zu G 20 vorzeitig verließ. Sein Grund: Jutta Ditfurth. Ein Anlass, mit der einstigen Grünen-Politikerin einmal darüber und über ihre Rolle in solchen Zusammenhängen zu sprechen.

          Sie gelten als schwierig und anstrengend. Trotzdem werden Sie immer wieder eingeladen. Zu welchen Anlässen?

          Eigentlich bin ich freundlich und aufklärerisch, kommt darauf an, wen Sie fragen. Ich werde gar nicht oft eingeladen, seltsam, dass es so wirkt. Themen sind linke Gewalt, soziale Bewegungen, Frauenfrage, Kritik an Polizei, Gauck, Guttenberg, Adel – ich nehme dann gern die Gelegenheit wahr, sogenannte Eliten zu zerlegen.

          Gibt es weitere Themen?

          Ach ja, Grüne, aber dann drohen alle bekannten Grünen: Wenn die kommt, komm ich nicht. Jürgen Trittin, Claudia Roth. Und sie kommen bei den Redaktionen damit durch.

          Bosbach ab jetzt vielleicht auch.

          Ich habe Bosbach zum ersten Mal gesehen. Der grüßte nicht, war von Anfang an gereizt wie ein Flitzebogen, konnte es kaum ertragen, mit einer so anders Denkenden in einem Raum zu sein. Wenig souverän. Ein bisschen Kritik an der Polizei und schon lief er weg.

          Das hat mich auch gewundert, weil der Abgang so vorgenommen wirkte, wie mit Ansage, die er ja früh machte. Ich habe gekränkte Eitelkeit vermutet, weil Sie ihm die Show stehlen und er zu limitiert ist, daran was zu ändern.

          Es sollte wohl ursprünglich eine Sendung werden, die seinen Abschied aus dem Bundestag feiert. Thema: Konservative Werte. Dann kam G 20 dazwischen und damit ein Thema, das er gar nicht wollte.

          Nachdem Bosbach raus war, bat Sandra Maischberger auch Sie zu gehen. Aus Gründen der „Parität“.

          Tja, welche Parität? Vorher waren zwei CDU-Männer da, Bosbach und der Polizist Lenders, jetzt immer noch einer. Statt vier Männern und zwei Frauen blieben noch drei Männer. Was man im Fernsehen nicht sieht: Die Aufzeichnung wurde für zwanzig Minuten unterbrochen. Frau Maischberger lief Bosbach hinterher. Aber der hat sich wütend ans Steuer seines Autos gesetzt und ist nach Hause gefahren. Zur Strafe durfte ich für den Rest der Sendung nichts mehr sagen. Sie haben mir den Ton runtergedreht und mich von der Regie so aus dem Bild genommen, dass man nicht einmal sah, dass ich etwas zu sagen versuchte.

          Das merkt man beim Sehen, Sie waren wie im Schatten. Ich fand das „Paritätische“ interessant, da wird der Schematismus der Sendung ausgesprochen. Merken Sie das schon bei den Einladungen?

          Selbstverständlich gibt es da eine Rollenverteilung.

          Wissen Sie von den anderen Gästen vorher?

          Ich wusste nur von Hans-Ulrich Jörges, Jan van Aken und Bosbach. Bis Sendungsbeginn wusste ich nichts von Katarina Barley von der SPD und nichts von Joachim Lenders von der Hamburger Polizei – und der CDU. Die wussten aber von mir. Mir hatte man gesagt, es komme Gerhard Kirsch von der Gewerkschaft der Polizei. Ein Hardliner. Auf den hatte ich mich vorbereitet.

          Sie bereiten sich vor?

          Natürlich. Ich überleg mir: Was will die Redaktion? Gibt mir das die Möglichkeit, in extrem begrenzter Zeit meine Position zu vermitteln, die vielen Zuschauern fremd ist? Dafür muss ich wissen, auf welches Terrain ich da gerate. In allen Redaktionen gibt es Skripte für die Sendungen. Manche könnten ihre Sendung vermutlich ohne Gäste machen, es ist alles schon durchgespielt.

          Mit „Skript“ meinen Sie, dass manche Sendungen redaktionell so durchgeplant sind, dass das Spiel der zusammengesetzten Gegensätze erwartbar abläuft?

          Oder die Diskussion gezähmt ist. Andererseits sind planvolle Zusammensetzungen der Gäste sinnvoll, um die notwendige Spannung zu schaffen. In den Redaktionen sitzen zum Teil ja politisch gebildete Menschen.

          Den Streit mit Lenders und Bosbach gab’s dann ja auch.

          Die Kommunikation zwischen den beiden war total interessant, aber das scheint man am Bildschirm nicht gesehen zu haben. Wie in einer Zange. Bosbach sollte wohl den Weltmann spielen. Lenders hatte wohl den selbstgesetzten Auftrag, mich durch ständiges Bepöbeln von der Seite rauszunehmen. Es zu schaffen, mich einzuschüchtern – das kann er sich nicht eingebildet haben.

          Die Sitzordnung macht die Sendung.

          Ich sitze manchmal ganz außen, was ich nett finde, da hat man einen guten strategischen Punkt. Aber das ist es nicht allein – kennen Sie Männer, die mit röhrender Stimme in Ihren privaten Raum eindringen? Lustig ist, wie empfindlich die reagieren, wenn man sie verspottet.

          Das hat man gesehen, als Sie Lenders mit dem Fächer geärgert haben.

          Zufall. Ich bin Rechtshänderin. Aber rechts von mir saß Maischberger, und da ich das Spiel mitkriegen wollte, hab ich den Fächer nach links genommen. Lenders blökte mir die ganze Zeit von links ins Ohr, halblaut, damit die Zuschauer es nicht mitbekommen. Durch den Fächer war ich geschützt, das hat ihn maßlos genervt. War nicht meine Absicht, aber jetzt weiß ich, wofür das gut ist.

          Sagen Sie auch Anfragen ab?

          Ja. Für mich ist maßgeblich: Interessiert mich das Thema? Ist die Sendung nazifrei? Habe ich den Spielraum, linke Positionen zu vermitteln?

          Gibt es für Sie Unterschiede zwischen den einzelnen Talkshows?

          Die rationalste Talkrunde – wir schrauben jetzt alles runter, was eine Gesprächsrunde sein könnte, und reden nicht von „Club 2“ oder Günter Gaus –, in der man tatsächlich ab und zu eine Position äußern kann, ist „Anne Will“. „Hart aber fair“ hatte eine gute Redaktion. Die Leute denken immer, die Moderatoren machen die Sendung allein. Aber das stimmt nicht.

          „Club 2“?

          ORF. Supersendung. War auch viel Schrott dabei, und Günther Nenning, der das lange moderiert hat, war eine ambivalente Figur zwischen konservativen und linken Positionen. Der hat oft politischen Blödsinn geredet, aber er war großzügig im Zulassen anderer Meinungen. Da liefen legendäre Diskussionen. Einmal war Matthias Walden für den Axel-Springer-Verlag da, ein alter Rechter, Feind der Studentenbewegung, sowie Kurt Sontheimer. Und auf der anderen Seite Rudi Dutschke und Cohn-Bendit. Rudi war klasse, wenn auch nicht immer unbedingt verständlich, Cohn-Bendit war das, was er halt ist, irgendwie auch ein eitler Hampelmann. „Club 2“ war was Besonderes. Das Prinzip: Wir diskutieren so lange, bis es uns nicht mehr interessiert. Manchmal drei, vier, fünf Stunden.

          Wenn wir in alten Zeiten schwelgen: Wie war’s bei „3 nach 9“?

          Ich weiß nicht, ob ich jemals da war, seit Giovanni di Lorenzo das macht. Es gab eine Moderatorin, Juliane Bartel, die ist früh gestorben, die mochte ich.

          Mit der hat di Lorenzo doch schon moderiert.

          Vielleicht war ich da auch mal. Heute ist das so gefällig. Bei Wolfgang Menge war das anders. In vieler Hinsicht ein Kotzbrocken – rede mit dem über die Frauenfrage und du willst ihm eine scheuern. Aber ihm war total egal, was die Leute von ihm hielten. Der hatte kein Imageproblem, sondern wollte sich über Wichtiges streiten. Wer macht das heute?

          Plasberg schon mal nicht.

          „Hart aber fair“ hat eine strenge und enge Gliederung, fünf bis acht Akte, scharf getrennt durch Einspieler. Und wenn was abdriftet, gibt es diese nette Redakteurin, die erzählt, was die Zuschauer schreiben. Für den Moderator birgt das eine große Sicherheit. Aber dem Gast lässt es manchmal auch ein bisschen Luft.

          Maybrit Illner?

          Da sitzen Redakteure im Publikum und klatschen an, und das Publikum fällt ein, manchmal bei völlig gegensätzlichen Aussagen. Aber gelegentlich gibt es Raum für echte Diskussionen. Zu Lanz kommen die Zuschauer mit Busunternehmen, die ihnen Tickets verkaufen. Sie wissen nicht, was das Thema ist und wer die Gäste sind. Sie sind ein, zwei Stunden vorher da und dürfen gratis trinken. In der Zeit unterhält sie eine Art Animateur. Der macht das wirklich geschickt. Er sitzt dann in der Sendung rechts oben – die Kamera zeigt ihn nie –, und das Publikum vertraut ihm. Wenn er klatscht, klatscht es auch.

          Woher kommt die Angst? Gerade Ihnen gegenüber spürte man das, als Sie versuchten, die Zusammensetzung der Steinewerfer in Hamburg nur zu beschreiben. Maischberger brach das ab.

          Es gibt den bildungsbürgerlichen Anspruch nicht mehr, sich in anderen als dem eigenen Milieu auch nur auszukennen, geschweige denn dissidente Haltungen wenigstens zu begreifen. Einige wollen sich in der Auseinandersetzung nicht blamieren. Also wird man eingepfercht. Dieser Umgang mit antiautoritären linken Positionen beschreibt den gegenwärtigen Zustand der nach rechts gerückten Gesellschaft doch ganz gut.

          Jutta Ditfurth als Gast in der Sendung „Maischberger“ im Juni

          Wie geht man damit um?

          Ich weiß doch, wo ich lebe. Wenn ich das nicht begriffen hätte, wär ich schon lange verzweifelt.

          Wann haben Sie das begriffen?

          Ende der achtziger Jahre, in den irrsinnig harten Auseinandersetzungen bei den Grünen, als Leute wie ich strategischen politischen Interessen im Weg standen.

          Aber Sie waren doch schon vorher unbeeindruckt und souverän. Bei Franz Josef Strauß etwa.

          Da hatte ich ziemlich Lampenfieber, bekam im Studio noch eine Kamera an den Kopf, aber ich habe mich inhaltlich immer gut vorbereitet.

          Braucht man Tricks? Taktische Fouls?

          Nein. Die Provokation besteht schon darin, dass eine wie ich da sitzt und ihre Meinung möglichst verständlich begründet. Es ist ja objektiv knifflig: Meist ist die Besetzung drei oder vier gegen dich. Die anderen können mit wenigen Worten das vermeintlich Selbstverständliche abrufen, was Leute jeden Tag in der Zeitung lesen. Aber ich muss eine oft wenig bekannte Position in kurzer Zeit verständlich machen. Foulen wäre, wenn ich jemanden mit Dingen, die ich privat über ihn weiß, vorführe. Aber da beiße ich mir eher die Zunge ab.

          Apropos Redezeit: Ich habe die einzelnen Beiträge der Maischberger-Sendung grob gestoppt.

          Sollen wir wetten, dass ich nicht auf Platz 1 bin?

          Stimmt. Das war Jörges mit fast zwölf Minuten.

          Ich schätze, dass ich auf Platz 3 oder 4 lag.

          Platz 2 war erstaunlicherweise Barley mit zehneinhalb Minuten. Auf 3 Polizist Lenders mit neuneinhalb. Dann Bosbach und Sie mit neun Minuten. Der höfliche Aken hatte nicht mal sieben Minuten.

          Ich war mal bei Erich Böhme, und da wurde in der Sendung behauptet, ich würde so viel reden. Später schickte mir eine Wissenschaftlerin aus einem Uni-Projekt ihre Analyse. Sie hatten alles gemessen, und kein Vorwurf traf zu.

          Woher kommt der falsche Eindruck?

          Selbstbewusste Frauen mit politischer Meinung werden in unserer Gesellschaft als aggressiver und dominanter empfunden als Männer. Wenn du dann den Anspruch auf gleiche Redezeit erhebst, bist du das Monster. Also muss ich aufpassen. Klar habe ich Temperament, aber mein Verstand kontrolliert es.

          Was wäre denn die ideale Talkshow?

          Ich wäre gern die Interviewerin. Ein kleines schwarzes Studio ohne Publikum. Und dass ich mich auf meine Gesprächspartner gut vorbereiten kann. Wie Günter Gaus, nur moderner. Zweimal hab ich das versucht, einmal hat es ein Bischof verhindert, das andere Mal jemand in der Bertelsmann-Spitze. Markus Peichl, der „Tempo“-Erfinder, hatte mich im Winter 1990/91 als Moderatorin für die neue Talkshow „0137“ bei Premiere gecastet, und ich sollte es werden. Das passte irgendwem bei Bertelsmann nicht, und sie schickten einen alten Jugendfreund von mir, der mir mit verdrucksten Worten absagen musste. So wurde es Roger Willemsen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.