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Die Ukraine und die EU : Wir reden über Werte, ihr redet über Preise

  • -Aktualisiert am

Tragödien und Leiden wird es nicht mehr geben

Und das nicht, weil die Ukrainer auf einmal verrückt geworden sind und Krieg oder Aggression wollen. Im Gegenteil: weil sie den Frieden wollen, sofortigen, unverzüglichen Frieden, weil sie wollen, dass die Aggression des großen Nachbarn gegen ihr Land so schnell wie möglich aufhört. Und das Besondere an diesem Nachbarn ist, dass soft power bei ihm nicht wirkt. Er reagiert nur auf hard power. Natürlich ist das archaisch, weswegen er am Ende verlieren wird, aber das passiert irgendwann später, heute aber werden jeden Tag auf Befehl und nach Plan dieses Nachbarn Bürger meines Landes ermordet, seine Verteidiger. Jeden Tag und jede Nacht, können Sie sich das vorstellen? Es ist ein endloses Balancieren zwischen Leben und Tod.

Auf einer Podiumsdiskussion hat eine deutsche Schriftstellerin kürzlich erklärt, den europäischen Literaturen blieben heute nur zwei große Themen: Alzheimer und Krebs. Alles andere sei quasi überwunden, Komfort und Sicherheit sind grenzenlos, Tragödien und Leiden wird es nicht mehr geben.

Die Helden künftiger Romane

Dem kann und sollte man widersprechen, aber ich finde allein die Tatsache signifikant, dass ein solcher Gedanke in Europa formuliert wird, somit die Innenperspektive zeigt. Also enthält er wenigstens ein Körnchen einer Wahrheit, die uns Ukrainern völlig fremd ist.

Während ich diese Zeilen schreibe, will mir einfach nicht einfallen, wie die Gegner der Euroskeptiker heißen. Wer erinnert sich, wie diejenigen hießen, die „für Europa“ waren? Es scheint, als seien in Europa, beziehungsweise in der EU, bloß Euroskeptiker übrig geblieben. Und die einzigen wirklichen Euro-Optimisten (endlich ist mir das Wort wieder eingefallen - Euro-Optimisten!) haben ungefähr vor einem Jahr ihre Alltagswirklichkeit verlassen und sind auf die Plätze der ukrainischen Städte gezogen, um ihren - wenn wir es nüchtern betrachten - hoffnungslosen Protest zu beginnen. Dieser Protest hatte im Grunde keine Chance. Wie und warum er schließlich doch gesiegt hat, ist eine Frage für Autoren künftiger Romane. Eine sehr wesentliche Anmerkung: Diese Romane müssen genial sein. Aber es geht mir nicht um Romane und nicht um ihre Autoren. Eher um die Helden, von denen die meisten der Welt gar nicht bekannt sind.

Nicht nur die eigene égaliberté

Viel zu viele von ihnen sind schon nicht mehr unter den Lebenden. So sehr ich auch wünschte, dass dieser Satz eine Übertreibung wäre - er ist es nicht, leider. Wir können diese Menschen nicht zurückholen. Andere sind für immer ohne Augen, Hände oder Beine geblieben oder haben auf andere Weise ihre Gesundheit eingebüßt, ihre Kräfte, ihre Jugend. Man kann und muss sie unterstützen - nicht nur mit Prothesen, sondern mit Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Liebe. Aber nie mehr werden sie so aufrecht und jung sein wie in dem Moment, als sie auf die Barrikaden gingen - unter der europäischen Flagge.

Behalten Sie uns alle in Erinnerung. Wir waren einsam und haben nicht nur unsere eigene égaliberté verteidigt, sondern auch eure. Verzeihen Sie - ganz ungewollt sind wir zu Ihren Gewissensbissen geworden.

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