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Die Ukraine und die EU : Wir reden über Werte, ihr redet über Preise

  • -Aktualisiert am

Die Wurzel der Verständigungsprobleme

Das beste Beispiel dafür, dass auf dieser Welt weiter Verständnislosigkeit herrscht: Die einen wollen auch nicht auf wenige Cent ihres Wohlstands verzichten und verbrennen wütend das Symbol des „Systems“, das beschlossen hat, diesen Wohlstand zu begrenzen. Die anderen sterben unter diesem Symbol einen alles andere als symbolischen Tod, denn der Wert der Fahne bemisst sich für sie weder in Cent noch in Euro. Diese Fahne ist überhaupt unbezahlbar, denn hier und jetzt, auf diesem Majdan, steht sie für nicht weniger als Menschenwürde. Mehr noch - für den Sinn des Daseins.

Im Ukrainischen haben die Wörter „Wert“ und „Preis“ dieselbe Wurzel. Ein ukrainischer Publizist beschrieb die Dissonanz zwischen uns und unseren europäischen Zeitgenossen, indem er mit den beiden phonetisch nahen, aber von der Bedeutung her so unterschiedlichen Worten spielte. Das Unverständnis, so der Publizist, rühre daher, dass „die Europäer an Preise denken und wir an Werte“. Daher die Probleme, uns zu verstehen.

Ein hoher Preis

Wenn die spanischen Bauern die EU-Fahne verbrennen, dann geht es ihnen um Handelssanktionen und den Preisverfall bei Orangen. Wenn aber ein neunzehnjähriger ukrainischer Student unter den Kugeln von Scharfschützen im Kiewer Regierungsviertel umkommt und dabei ebenjene EU-Fahne mit den Händen umklammert, dann geht es ihm um Freiheit und Gerechtigkeit.

Wenn der französische Präsident sagt, dass er nicht anders kann, als zumindest einen der Hubschrauberträger „Mistral“ nach Russland zu verkaufen, da der Vertragspreis über eine Milliarde Euro beträgt, dann geht es ihm genau darum: um den hohen Preis. Wenn aber Ukrainer, und zwar nicht die reichsten, in wenigen Tagen 20 000 oder auch 40 000 Euro für eine dringende Operation eines schwerverwundeten Soldaten spenden, dann wollen sie ein Menschenleben retten.

Politisch korrekt und steril

Wenn sich ein Bonze der österreichischen Handelskammer beschwert, dass das Einreiseverbot für Russen aus Putins Umgebung zu einem Gewinneinbruch bei den Juwelieren im Wiener Ersten Bezirk führen wird, dann geht es ihm eben um den Gewinneinbruch. Wenn sich zwei ukrainische Offiziere, von Terroristen umzingelt und schwer verwundet, mit einer Granate in die Luft sprengen, um der Folter zu entgehen und möglichst viele Feinde mit in den Tod zu nehmen, dann geht es um Menschenwürde.

Diese Situationen lassen sich nicht vergleichen, mag man sagen. Wieso sie einander gegenüberstellen, wenn sie überhaupt nichts miteinander zu tun haben? Darauf antworte ich: Das stimmt. Es stimmt, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben. Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen uns, der Ukraine, und Europa. Europa hat in seiner absolut erfolgreichen Entwicklung das Endziel erreicht, es ist vor allem zu einer Zone des Wohlstands, Komforts und der Sicherheit geworden, oversecured, overprotected, overregulated, ein Territorium aufgeblähter und irgendwie beigelegter Probleme und Konflikte, politisch korrekt und steril. In der Ukraine aber wird Blut vergossen, und das ist noch milde ausgedrückt, denn wenn ich anfinge, hier zur Veranschaulichung zu beschreiben, auf welche Art Blut vergossen werden muss, dann würden Sie erschrecken.

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