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Junge Straftäter : Das Drama der unsichtbaren Eltern

Sie führen die Statistik der Jugendkriminalität an: junge Migranten aus den Problemvierteln in Berlin. Eine Richterin versucht, eine Allianz für diese verlorenen Kinder zu schmieden - und wendet sich vor allem an deren Eltern.

          Kaan steht nicht zum ersten Mal vor einer Richterin. Immer war es um junge Frauen oder Mädchen gegangen, die er anpöbelte, schlug, verprügelte. Die Anklagen ähnelten sich und folgten in immer kürzeren Abständen. Bei seiner letzten Verhandlung hatte er sogar im Gerichtssaal versucht, eine Zeugin anzugreifen, sprang auf, rannte quer durch den Saal und musste von den Wachleuten auf den Stuhl zurückgezwungen werden, ein ziemlich einmaliger Vorfall in Berlin-Moabit. Als dieses Urteil verkündet war - vier Wochen Jugendarrest für obszöne Beschimpfungen und tätliche Angriffe in einem Bus -, wurde er vor dem Saal verhaftet.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Er hatte in den Monaten seit der im Mai verhandelten Busfahrt noch eine Frau brutal niedergeschlagen, einfach so, mitten auf einer belebten Straße in Berlin-Neukölln. Und er hatte, darum wurde zum ersten Mal Untersuchungshaft angeordnet, wenig später einem Mädchen mit Wucht sein Messer durchs Gesicht gezogen. Das Mädchen war auf dem Weg von der Schule nach Hause gewesen. Der neunzehnjährige Kaan kreuzte es zufällig, aber missgelaunt, weil er sich mit dem älteren Bruder wieder einmal um Geld gestritten hatte. Sein letztes Opfer, jedenfalls das in Freiheit gesuchte, hat den Albtraum noch nicht verwunden, als die Untat zur Verhandlung kommt. Und es scheint weder die Schülerin noch ihren Vater, der den Prozess aufgeregt verfolgt, zu beruhigen, dass der Messerheld dieses Mal hinter Sicherheitsglas auf der Anklagebank sitzt. Zwischen Verhaftung und Verhandlung kommen noch einmal drei Anzeigen hinzu: Kaan misshandelte zwei Mitgefangene und fiel schließlich eine junge Wärterin an, als diese ihn in seine Zelle bringen wollte.

          Die Schule vor Jahren verlassen

          Kaan ist ein schmaler Junge, der jünger wirkt, als er ist; mal gleichmütig, mal zappelig verfolgt er das Defilee der Zeugen, Gutachter und Polizisten. Er braucht lange, um auf Fragen zu antworten, selten in ganzen Sätzen, meist nur mit zwei, drei Worten. „Würden Sie denn eine Ausbildung machen wollen?“ fragt ihn der Staatsanwalt. „Ja, bin sicher“, sagt Kaan. „Wieso?“ Lange Pause. „Na, so.“ Es ist nicht flapsig gemeint, es ist nur eben alles, was ihm dazu einfällt. Kaan hat die Schule schon vor Jahren verlassen, auch einfach so, als Schlusspunkt unter eine Serie von geschwänzten Schulstunden, Prügeleien und fruchtlosen Gesprächen mit seinen Lehrern, wenn er denn mal da war. Seitdem, so gibt er an, sei er „in Maßnahmen“. Er streiche manchmal anderer Leute Wohnungen, weil er Geld brauche.

          Wie viele türkische und arabische Jungen, die im Kriminalgericht Moabit immer öfter verurteilt werden, ist er allein im Gerichtssaal. Die Eltern unerreichbar, abwesend wie immer, genauso wie ein in Berlin lebender älterer Bruder, von dem manchmal die Rede ist. Ein anderer Bruder wurde getötet, bei „einer Auseinandersetzung“, ein weiterer, ein gesuchter Verbrecher, ist seit Jahren verschwunden. Kaan, so stellt sich heraus, lebt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr allein in einer großen Wohnung in Neukölln. Die Eltern, heißt es, sind mit einem Sohn, der nach schwerer Drogensucht chronisch krank ist, in die Türkei zurückgegangen. Wer die Miete zahlt und den Strom, ist nicht Gegenstand der Verhandlung, wahrscheinlich das Sozialamt. Kaan sagt, er bekomme das staatliche Kindergeld. Alle paar Monate tauchten die Eltern auf, um Geschäfte zu erledigen und Behördengänge zu machen. Jedenfalls nicht, um ihren Sohn zu erziehen. Der soll nur die Stellung halten in Berlin.

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