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Generationenkonflikte : Wir können das Klima nicht gegeneinander retten

  • -Aktualisiert am

In der Klimadiskussion hat das Ausspielen von Jung gegen Alt einen neuen Tiefpunkt erreicht. Aber eine Lösung gibt es nur für alle gemeinsam.

          7 Min.

          Wann ist man alt? Wann gilt man noch als jung? Und wer legt das fest? Wie alt soll, darf oder muss man sich mit 18, 23, 35 oder 42 Jahren fühlen? Und was bedeutet das für die politische Auseinandersetzung? Klar ist: Die Frage wird von unterschiedlichen Personen unterschiedlich beantwortet. Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung weichen häufig voneinander ab, abhängig vom Alter der urteilenden Person, von individueller Lebensweise und Sozialisation, von Erfahrungen und Wohnort, aber auch von Faktoren, die uns selbst und anderen kaum bewusst sind.

          Schon diese kurzen Überlegungen zeigen, wie unpräzise und unbrauchbar das Kriterium „Alter“ sein kann, wenn allein damit Erwartungshaltungen und politische Debatten bestimmt werden sollen. Das zeigt sich in bedauernswerter Deutlichkeit in der Diskussion darüber, was gegen den Klimawandel am besten zu tun sei. Die globale Krise betrifft grundsätzlich Menschen jeden Alters; es gibt den wissenschaftlichen Konsens, dass weitreichende politische Entscheidungen dringend notwendig sind, um die schlimmsten Folgen der menschengemachten Veränderungen noch zu verhindern. Der Fokus auf den Faktor „Alter“ behindert jedoch zu oft eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung und banalisiert den gesellschaftlichen Diskurs, indem der Eindruck erweckt wird, dass es um die privaten Vorlieben Einzelner ginge, die sich in Abhängigkeit vom Geburtsdatum unterscheiden. Das Ergebnis sind gegenseitige Vorwürfe – und kein sachlicher Fortschritt. Wenn wir also schon über das Alter reden müssen, sollten wir uns das genau anschauen.

          Von denjenigen, die gesellschaftliche, ökonomische oder politische Macht haben, wird die Frage nach dem Alter gern als informelles Ausschlusskriterium gestellt – so dass eine junge Person, die mitreden und mitgestalten will, sich manchmal wie vor dem Türsteher eines Clubs fühlt. Erst mit dem Hinweis auf den 18. Geburtstag oder bereits gezahlte Steuern wird die politische Teilhabe mit gönnerhafter Geste gewährt: auf dass man sich zu benehmen wisse in den goldenen Hallen dieses exklusiven Clubs. Eine sach- und ergebnisorientierte, offene und produktive Debatte sieht anders aus.

          Die Forderung nach Demut ist absurd

          In der Klimadiskussion hat das Ausspielen von Jung gegen Alt eine neue Qualität, man könnte auch sagen: einen neuen Tiefpunkt, erreicht. Es sind nicht nur Berufspolitiker wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der jungen Demonstrierenden mit einem Hinweis auf sogenannte Profis praktisch den Mund verbieten wollte. Auch in den Medien fühlen sich immer wieder selbsterklärte Vertreterinnen und Vertreter der „älteren“ Generation bemüßigt, von den jungen Protestierenden zunächst Demut zu verlangen und Dankbarkeit für das funktionierende Bildungssystem, den Lebensstandard, das Konsumniveau, die schönen Reisemöglichkeiten und so weiter. Erst dann dürften die Jungen sich äußern zu den von der (erwachsenen) Wissenschaft vorhergesagten düsteren Zukunftsaussichten und den daraus resultierenden Forderungen. Diese Sicht basiert vor allem auf Arroganz und Ignoranz.

          Die Forderung nach einer demütigeren Haltung gegenüber den etablierten Mächten als Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe an einer überlebenswichtigen Diskussion erscheint schon wegen des objektiven Zeitdrucks, der besteht, wenn man das 1,5-Grad-Erwärmungsziel bis 2050 überhaupt noch erreichen will, so absurd wie undemokratisch und letztlich unpolitisch.

          Für all jene, die bewusst naiv auf dieser Argumentationsschiene fahren wollen, haben wir leider schlechte Nachrichten: Denn so, wie ihr euch das wünscht, funktioniert das nicht. Man könnte sogar sagen: nie. Wenn alle politischen Forderungen, schon bevor sie überhaupt artikuliert wurden, schon von der Akzeptanz derjenigen abhängig gewesen wären, die für die Situation verantwortlich sind, aus der heraus die Forderungen überhaupt erst resultieren: Was hätte es dann jemals für gesellschaftlichen oder politischen Fortschritt gegeben?

          Es gibt keine gemütliche Lösung

          Und auch eine einfache Wahrheit kann man in der angestrengten Diskussion anscheinend gar nicht oft genug wiederholen: dass natürlich die älteren Generationen einen maßgeblichen Anteil daran haben, dass die Welt heute so verschmutzt und das Klima so bedroht ist, wie es ist. Wer denn auch sonst? Junge Menschen können für etwas, das maßgeblich in der Vergangenheit getan und nicht verhindert wurde, nicht verantwortlich gemacht werden – schon deshalb, weil einige von „ihnen“ noch nicht einmal auf der Welt waren. Trotzdem, das ist so trivial wie zutreffend: Eine Lösung gibt es nur für alle gemeinsam.

          Und wie gut, dass von den „Älteren“ ein funktionierendes Bildungssystem und ein erfreulich hoher Lebensstandard für viele (zumindest hierzulande) geschaffen wurde – zwei wesentliche Faktoren, die dazu führen, dass gut ausgebildete junge Menschen heute ihre sehr kritischen Fragen zur Klimapolitik und zur Lebensweise einer ganzen Gesellschaft stellen. Das nervt? Das bringt Unruhe? Das lässt möglicherweise unerfreuliche neue Konflikte entstehen?

          Ja, genau. So funktioniert Demokratie, so funktioniert Zukunft. Eine für uns alle gemeinsam gleichermaßen gemütliche Lösung gibt es nicht. Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, wenn es um pragmatische Lösungsansätze geht. Dankbarkeit wendet keinen Klimawandel ab.

          Das Vertrauen ist gering

          Das politische Interesse junger Menschen endet nicht beim Nachhaken und Kritisieren: Sie wollen entscheiden – dürfen es aber häufig nicht. Die Entscheidungsmacht ist eindeutig verteilt: Das Durchschnittsalter des Bundestags liegt ungefähr bei 49 Jahren. Die zentralen Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sind fest in älteren Händen. Wer keine Macht hat, aber dennoch etwas verändern möchte, hat wenige Optionen. Häufig haben junge Menschen keine andere Wahl, außer sich außerparlamentarisch zu organisieren, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und dadurch im besten Fall (Meinungs-)Druck aufzubauen.

          Die Shell-Jugendstudie 2019 zeigt, dass junge Menschen nur wenig Hoffnung haben, politisch Einfluss nehmen zu können: Das Vertrauen in die Parteien ist gering. 71 Prozent stimmen der Aussage zu: „Ich glaube nicht, dass sich Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken.“ Die Zahl der jungen Menschen, die sich überhaupt nicht sozial oder politisch engagieren, nimmt zu. Das ohnehin nur gelegentliche Engagement ist rückläufig. Parallel ist das politische Interesse seit 2002 aber gestiegen und liegt momentan laut der Studie bei 41 Prozent.

          71 zu 41 Prozent. Schon rechnerisch muss es also mindestens einen niedrigen zweistelligen Prozentsatz von jungen Menschen geben, die sich zwar als politisch interessiert beschreiben, aber nicht den Eindruck haben, man interessiere sich für sie. Politikverdrossenheit entsteht hier nicht aus politischem Desinteresse heraus, sondern weil das Interesse kaum unterstützt wird und somit keine Folgen hat. Daraus kann im besten Fall Protest, im schlechtesten Fall Abwendung von der Demokratie resultieren. Junge Menschen gehen nicht deshalb für den Klimaschutz demonstrieren, weil sie jung sind und Bock auf Demo haben – sondern weil ihnen der Einfluss und die Macht fehlen, Politik direkt zu ändern.

          Keine Macht ist nicht gleich Ohnmacht

          Apropos Macht. Junge Menschen können zwar schnell Kontakte knüpfen, sich organisieren und Netzwerke bilden. Aber ältere Menschen haben schon die „richtigen“ Kontakte – damit können sie sehr viel direkter Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger beeinflussen, wenn sie es nicht schon selbst sind. Mit ihrem biographisch bedingten Status, der erarbeiteten Position oder ihrer Mitgliedschaft in Parteien und Verbänden haben sie jungen Menschen viel voraus.

          „Keine Macht“ ist jedoch nicht zu verwechseln mit Ohnmacht, also der Unfähigkeit oder dem Unvermögen zu handeln. Ohnmacht provoziert Paralyse oder unabgestimmtes und impulsives Handeln. Dieses Verhalten können wir bei jungen Akteurinnen und Akteuren nicht sehen: Protestbewegungen wie „Fridays for Future“ sind bestens koordiniert, teils basisdemokratisch aufgebaut, und Positionen werden, soweit es einem derart jungen Bündnis möglich ist, abgestimmt.

          Allem Aktivismus zum Trotz werden die wichtigsten grundsätzlichen politischen Weichen alle vier Jahre durch Wahlen gestellt. Natürlich können Jugendliche in den Jugendverbänden der Parteien und außerparlamentarischen Gruppen politisch aktiv sein. Aber erst, wenn sie das willkürlich festgelegte Alter von 18 erreicht haben, werden sie durch ihr Wahlkreuz als Macht wirklich wahrgenommen. Bis dahin können sie aus eigener Kraft allein lediglich die Stimmung beeinflussen, aber ohne wahlberechtigte Verbündete nicht die realen politischen Machtverhältnisse. Und deswegen brauchen sie auch in der gegenwärtigen Klimadebatte Partnerinnen und Partner – aus allen Generationen.

          Im Kampf gegen die gleiche Bedrohung

          Trotz individuell unterschiedlicher Bedürfnisse versammelt sich eine überwiegende Mehrheit der jungen Menschen hinter dem Ziel, der Klimakrise entgegenzutreten. Bemerkenswerterweise sind es die jungen Leute von „Fridays for Future“, die sich keine altersspezifische Benennung gegeben haben – im Gegensatz zu daran anschließenden Gruppierungen, die aus älteren Menschen bestehen, wie die „Scientists for Future“ oder die „Omas for Future“. Angetrieben sind die jungen Menschen dabei laut Shell-Studie übrigens von einem mehrheitlich hoffnungsvollen Ausblick, nicht nur auf ihre eigene Zukunft: „Die Zukunft der Gesellschaft sieht etwas mehr als die Hälfte, genauso wie auch schon 2015, positiv (52 Prozent). Daran hat auch die wachsende Angst vor Umweltzerstörung und Klimawandel nichts geändert.“

          Auch wenn junge Menschen in ihren Forderungen sehr geeint erscheinen, zeigen sie sich in ihrem Zugang zur Politik als hochgradig heterogen: Die Hälfte derer, die das Abitur anstreben oder erreicht haben, bezeichnet sich als politisch interessiert; und etwa zwei Drittel der Studierenden. Auf die Jugendlichen mit angestrebtem oder erreichtem Hauptschulabschluss trifft dies hingegen nur etwa bei einem Viertel zu. Auch auf die Populismusaffinität hat Bildung einen großen Einfluss. Einigkeit herrscht allerdings darüber, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind: Der Umweltschutz liegt ihnen mit 71 Prozent inzwischen häufiger am Herzen als ein eigener hoher (späterer) Lebensstandard (63 Prozent). Umweltbewusstsein und politisches Engagement haben für die jungen Menschen am stärksten an Bedeutung dazugewonnen. Galten 2010 ihre Hauptsorgen noch wirtschaftlichen Problemen, nennen junge Menschen jetzt Umweltverschmutzung (75 Prozent), Terroranschläge (66 Prozent) und den Klimawandel (65 Prozent). Unabhängig von der Parteizugehörigkeit vereinen sie sich also im Kampf gegen die gleiche Bedrohung: Der Klimawandel trifft sie alle gleich.

          Gleichzeitig hat gut die Hälfte der Befragten (56 Prozent) Angst vor einer wachsenden Feindseligkeit zwischen Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind. Da hilft es nicht, einen weiteren Spaltkeil namens „Alter“ in die Gesellschaft zu rammen, besonders dann nicht, wenn sich Jung und Alt in ihren Zielen doch grundsätzlich einig zu sein scheinen – das „wie“ aber noch dringend konkret erörtert werden muss.

          Junge und alte Menschen sind, wenn auch unterschiedlich, vom Klimawandel betroffen. Wir möchten deshalb die Bedürfnisse aller in unser Handeln einbeziehen. Wir wollen die Erfordernisse nicht spezifischen Interessen, auch nicht unseren eigenen, unterordnen. Alle Schicksale in den Blick zu nehmen erfordert, den Klimawandel absolut ernst zu nehmen. Die Befindlichkeiten von Menschen, die den Klimawandel weniger ernst nehmen, sind ein politischer Faktor, der zu berücksichtigen ist. Die Herausforderung der Klimakrise lässt aber keinen Spielraum für zaghaftes Handeln zu, was bedeutet, dass entstehenden Interessenskonflikten durch gelingende Sozialpolitik entgegengetreten werden muss.

          Wer keine institutionelle Macht und auch keinen Einfluss auf die etablierten stillen Kanäle der gestaltenden Kräfte hat, muss laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. Dass dies den jungen Menschen in den vergangenen Monaten immer wieder gelungen ist, mag diejenigen brüskieren, die über weniger rebellische und eher traditionelle Wege an politisch oder gesellschaftlich einflussreiche Positionen kamen – und kraft ihres Alters. Aber im Kern ist die Entwicklung des Protestes und sein Einfluss auf die politischen Debatten des Landes natürlich etwas Phantastisches: Die als brave Konsumtrottel verschriene Jugend entpuppt sich als sehr politisch und kreativ. Mit Phantasie und Geschick durchkreuzen und nutzen sie aus einer Position der objektiven Machtlosigkeit heraus die gängigen Kommunikationskanäle und Hierarchien. Sie lassen sich weder durch Shitstorms bremsen noch durch Spott. Sie beleben auf breitester Front den Diskurs.

          Macht ist Gestaltungspotential. Das möchten wir nutzen. Gemeinsam mit all denjenigen, die an der Gestaltung der Zukunft mitwirken wollen. Aber Macht wird eben nicht einfach so weitergegeben. Man muss sie sich holen.

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