https://www.faz.net/-gqz-6mi32

Julija Timoschenko : Kluger Zopf

Sie hätte fliehen können: Julia Timoschenko Bild: REUTERS

Diese Frisur zeigt die Geschichte eines ganzen Landes: Aufstieg und Fall der Julija Timoschenko, die als Barbie begann und als Jeanne d’Arc der Ukraine endete.

          Als Julija Timoschenko ihren Weg vom Gericht ins Kiewer Lukjaniwska-Gefängnis einschlug, ist sie einem Pfad gefolgt, den vor ihr schon manche gegangen sind. Ihr früherer Innenminister Luzenko gehört dazu, der gewesene Verteidigungsminister Iwaschtschenko, der ehemalige stellvertretende Justizminister Kornijtschuk – alle hat die Justiz des Präsidenten in die „Isolatoren“ geschickt, in die stinkenden, von Tuberkulose durchzogenen Untersuchungsgefängnisse der Ukraine. Aber nicht nur jungen Spuren wie diesen ist Julija Timoschenko nachgegangen. Ihr Weg ist noch älter, er reicht tief in die Erinnerung.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Manchmal will man glauben, sie habe diesen Weg gewollt. Nicht in dem Sinne, dass sie es für richtig, für rechtens gehalten hätte, dass Richter Rodion Kirejew sie in Haft nehmen ließ. Dass ihre Festnahme am 5. August jeder Rechtlichkeit und Verhältnismäßigkeit entbehrte, hat der gewesene dänische Staatsanwalt und Polizeichef Mikael Lyngbo mittlerweile in einem ausführlichen Bericht für das Helsinki-Komitee für Menschenrechte dargelegt: Ihre (unbestrittene) Weigerung, ihrem Richter, den sie nicht ohne Grund eine „Marionette“ des Regimes nennt, auch nur einen Hauch von Respekt zu zollen, ist nach internationalen Standards kein Haftgrund. Dennoch hat sie den dicklichen, schwitzenden, vor Angst und Pein mit der Augenbraue zuckenden jungen Mann, der in einem überhitzten, von Geschrei erfüllten Gerichtssaal im zentralen Kiewer Distrikt Petschersk mutterseelenallein auf der Höhe des Richterstuhls über ihr sitzt, gleichsam an unsichtbarer Schnur, an die Schwelle seiner fatalen Entscheidung herangeführt.

          Der Part der Märtyrerin

          Sie hat sich geweigert, vor ihm aufzustehen und sich trotz erregter Verweise nicht einmal bewegen lassen, ihn auch nur anzusehen. Wenn sie sprach, wandte sie sich sie von ihm ab, redete ausschließlich in die Fernsehkameras und winkte nach jeder Replik einem imaginären Volk zu. Den Richter verhöhnte sie, während er um Fassung rang, mal als „Ungeheuer“, mal als „Affen mit Handgranate“. Als er in der Enge des Verhandlungszimmers einmal ganz nah an ihr vorbeimusste, flüsterte sie ihm in einem kurzen, bösen Hauch ein Wort zu, das nur er verstand. Es dauerte Minuten, bis der Richter seine Contenance wiederfand und das Gelächter ihrer Freunde auf den Bänken nachließ.

          Irgendwann ist Rodion Kirejew, zappelnd zwischen den Gewalten einer Politik, die jenseits seines Horizonts liegt, und den Grundsätzen einer fairen Verfahrensführung, dem bohrenden Drängen der Anklage gefolgt und hat den von allen erwarteten Befehl zur Festnahme ausgesprochen. Julija Timoschenko aber, die Ikone der „Revolution in Orange“, später mit Unterbrechungen Regierungschefin bis 2010 und heute die stärkste Oppositionspolitikerin des Landes, hat den Augenblick genutzt, als hätte sie ihn geprobt.

          In den Monaten davor hätte sie fliehen können. Sie hätte in Westeuropa um Asyl bitten können, wie ihr ehemaliger Wirtschaftsminister Danilischin. Stattdessen ist sie geblieben, hat sich Reisebeschränkungen unterworfen, mindestens 42 Verhöre überstanden und sich dem Gericht gestellt. Schließlich, als die Staatsanwältin ihre Festnahme beantragte, rief sie den bühnenreifen Satz: „Beantragt doch gleich Tod durch Erschießen! Gebt ihr den Revolver!“ Dies war der Augenblick, in dem Julija Timoschenko, der Popstar mit Porsche-Kavalkaden und strahlendem Haarkranz, ihre neue Rolle annahm: den Part der Märtyrerin, Jeanne d’Arc im Kerker.

          Die schwerreiche „Gasprinzessin“

          Weitere Themen

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Abschied für Dieter Kosslick Video-Seite öffnen

          Berlinale 2019 : Abschied für Dieter Kosslick

          Nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor lässt Dieter Kosslick die Stimmung auf dem roten Teppich noch mal so richtig auf sich wirken. Bei seinen letzten Filmfestspielen als Leiter wird „Synonymes“ mit dem goldenen Bären geehrt. Darin geht es um einen jungen Israeli, der in Paris eine neue Identität sucht.

          Topmeldungen

          Donald Trump : „Ich mag Strafzölle“

          Berlin rechnet fest damit, dass Amerika Autoimporte als Gefahr für die nationale Sicherheit einstufen wird. Die Industrie kann die Entscheidung nicht nachvollziehen – und Trump spricht besorgniserregende Worte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.