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Julian Assange : Der Gefangene des Zwischenreichs

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Der kurze schwedische Sommer 2010 Julian Assanges gehört mittlerweile zu den am besten dokumentierten Zeitspannen der Menschheit. Seitenlang schildern die Zeuginnen ihre kurze Bekanntschaft mit ihm; man liest von Spaziergängen am Wasser, von gestreichelten Hunden und kanadischen Gänsen. Ein beschafftes Laptopkabel spielt eine Rolle, auch ein belegtes Knäckebrot. Man liest auch von Enttäuschung, Assange habe sich mehr mit seinem Laptop beschäftigt als mit seinen Gastgeberinnen und Freundinnen sowie einmal morgens in barschem Ton nach Frühstück verlangt. Und es geht um Sex, seitenweise, ein Foucaultscher Albtraum.

Ist Assange Opfer einer Verschwörung?

Es ist eine Kippfigur: Mal sieht man die zu vertrauensseligen Frauen, die einen Unbekannten in ihre Wohnung einladen, mal die manipulative und übergriffige Berühmtheit, die seine Fans wie Groupies behandelt. Aber es ist vielleicht die völlig falsche Frage. Hier ist Stoff für einen großen Streit unter den Beteiligten und vielleicht der Gegenstand eines Aussage-gegen-Aussage-Verfahrens vor dem Stockholmer Amtsgericht. Das ist nicht das Zeug, aus dem globale Skandale gemacht sind, die die höchste Ebene der Diplomatie von nunmehr vier Staaten und alle Medien weltweit beschäftigen. Hier hat sich etwas verschoben, und das verstellt den Durchblick.

In dem 2010 veröffentlichten Film „Fair Game“ über die illegale Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame durch die Bush-Regierung gibt es eine Szene, an die ich während des Studiums des schwedischen Falls plötzlich denken musste. Plames Mann, der von Sean Penn gespielte Bush-Kritiker Joe Wilson, fragt im Hörsaal einen Studenten: „Wer von euch kennt den Namen meiner Frau?“ Alle heben die Hände. „Wer weiß etwas über Niger und Yellowcake?“ Nur verstreute Meldungen. Wilson hatte in einem Artikel der „New York Times“ Behauptungen des Weißen Hauses widerlegt, wonach der Irak in Niger versucht hatte, an einen solchen Yellowcake, also an Ausgangsstoffe für die Herstellung von Brennelementen, zu kommen. Daraufhin hatte die Regierung Wilson mit dem Hinweis zu schaden versucht, seine Frau sei ja Agentin. Die Medien hatten sich auf die enttarnte Agentin gestürzt, das Foto von Plame und Wilson überstrahlte den eigentlichen Skandal - die Lügen des Weißen Hauses. Heute müsste man fragen: Wer kennt Julian Assange und kann sagen, was man ihm vorwirft? Und dann: Mit welchem Video wurde er berühmt? Wen und was zeigt es? Je sichtbarer Assange ist mit seinen Balkonreden, desto dunkler wird die Erinnerung daran, was die Brisanz von Wikileaks ausgemacht hat. Diese Organisation ist seitdem de facto lahmgelegt, Quellen können sie nicht mehr schützen, sie können sich ja selbst kaum schützen. Ist Assange Opfer einer Verschwörung? Dafür gibt es keinen Hinweis. Assange war auch leichtsinnig. Der Herr über all diese geheimen Daten, der Hacker, der die Großmächte herausfordert, begibt sich in die Wohnung von Unbekannten, schläft dort mit all seinen Telefonen und Laptops den Schlaf des Gerechten und weiß kaum, mit wem er es zu tun hat.

Das Phänomen des Wiedergängers

In seinem Buch beschreibt Assange eine Schwedin als leicht neurotisch, die andere als naiv und allzu anhänglich oder gar verliebt. Auf der anderen Seite drehen Briten und Schweden durch, der Aufwand der Repression ist unverhältnismäßig. Doch all dies ist gar nicht das Wesentliche dieses Falls, das ist nicht der Grund, warum er zum Symbol unserer Zeit taugt. Das Entscheidende ist, dass er nicht vergeht, sondern in einem legalen Zwischenreich aufgehoben ist. Es ist nicht abzusehen, wann Assange diese Botschaft verlässt, seine Zelle, die er dem drohenden amerikanischen Schattenreich vorzieht. Dieses Schattenreich gibt es: Gegen seinen eingekerkerten mutmaßlichen Informanten Bradley Manning ist bis heute kein Verfahren eröffnet worden - ebenso wenig gegen die Häftlinge in Guantánamo Bay. Es gibt ein ganzes Archipel mit Gefangenen und Verdächtigen, die dem öffentlichen Strafverfahren entzogen sind.

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