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Facebook und die Medien : Auf der grauen Seite der Macht

  • -Aktualisiert am

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Bild: dpa

Facebook bittet Medien um Engagement gegen Fake News. Aber warnt Mark Zuckerberg nicht implizit vor der Presse und vertraut nur Algorithmen? Ein Gastbeitrag.

          Zweitausendsiebzehn ist ein politisches Jahr. Ein Wahljahr. Darum waren wir bei Gruner + Jahr auch sofort aufmerksam, als Facebook uns vor einigen Wochen um Hilfe bat. Die Plattform war plötzlich unter Druck geraten. Jahrelang waren immer nur phantastische Nachrichten aus Kalifornien gekommen: Facebook hat jetzt noch mehr User! Facebook verdient noch mehr Geld! Facebook will die Welt noch besser machen! Dann wählten die Amerikaner mit Donald Trump einen Mann zum Präsidenten, der mit seinen extremen und oft seltsamen Ansichten von den klassischen Medien weder gut gefunden, noch richtig ernst genommen worden war. So hatten sich fast alle amerikanischen Zeitungen gegen Trump positioniert, fast alle Late Night Shows lachten ihn aus, sogar das republikanische Establishment rümpfte die Nase. Aber er siegte überraschend doch. Warum? Woher kam das?

          Rasch waren die sozialen Medien als eine der Ursachen ausgemacht. Hier war in nur wenigen Jahren eine neue Öffentlichkeit entstanden, die der alten immer stärker die Agenda vorgab: Wenn Trump morgens mal wieder twitterte, war klar, worüber im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen am nächsten Tag gesprochen werden würde.

          Julia Jäkel ist Vorsitzende der Geschäftsführung bei Gruner+Jahr

          Gleichzeitig war diese neue Öffentlichkeit seltsam verschlossen. Nichts ist leichter, als bei dem mit Abstand größten sozialen Netzwerk mitzumachen – bei Facebook. Doch anders als die Leser einer Zeitung oder die Zuschauer eines Fernsehsenders sehen die Mitglieder bei Facebook nicht alle das Gleiche. Der Rahmen der Seite ist immer blau, darin stehen aber ganz verschiedene Inhalte, je nachdem, wo ich „Gefällt mir“ gedrückt habe, wo ich wohne, mit wem ich befreundet bin. Die genaue Zusammensetzung, der Algorithmus, ist geheim. Im Ergebnis können Sie und ich beide Bürger des gleichen Landes und vielleicht sogar der gleichen Stadt sein – und trotzdem sehen wir völlig unterschiedliche Realitäten.

          Eine ideologisch isolierte Filterblase

          So weit, so gut. Wir erleben ja auch nicht alle das Gleiche und lesen nicht alle die gleichen Bücher. Nach dem Überraschungssieg in Amerika schien es aber plötzlich so, als sei unter dem Schleier der Facebook-Algorithmen eine mächtige Parallelöffentlichkeit entstanden. Es gab nicht mehr nur Freunde auf Facebook, sondern auch Feinde. Die lebten allerdings woanders, in einer ideologisch weitgehend isolierten Filterblase: Hier das liberale Facebook, gefüllt mit Artikeln aus der „New York Times“, „Stern“ und „Guardian“, dem neuesten Video von John Oliver und was Niedlichem mit Eisbärbabys. Und dort die Blase der „alternativen“ Rechten, ein vor sich hin gärendes Biotop für Fake News, Verschwörungstheorien, Propaganda und Pepe-the-Frog-Memes, eifrig befüllt von gewissenlosen PR-Agenturen, Wutbloggern, rechten Trolls, Kreml-Bots und mazedonischen Klickfarmern.

          Anstatt Menschen einander näherzubringen, wie man das von einem sozialen Medium erwartet, schien Facebook quasi über Nacht zu einem Medium sozialer Spaltung geworden zu sein – ein asoziales Netzwerk. So fand sich Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer, in einer ungewohnt dunklen Ecke wieder.

          Zuckerbergs aktuelle Aufgabe ist also ziemlich klar: Er muss seinen und den guten Ruf seines Unternehmens retten. Daran hat er in den vergangenen Monaten hart gearbeitet. Zusammen mit seiner Frau ist er auf einer Goodwill-Tour durch die Vereinigten Staaten, schüttelt Hände, dankt Lokaljournalisten für ihre Arbeit und entschuldigt sich bei Justizopfern. Mitte Februar postete er dann einen Brief, adressiert „To our community“ und einfach mit „Mark“ unterschrieben.

          Zuckerberg denkt in großen Dimensionen

          Auf Facebook war der sehr lange, nur mit einem faden Foto bebilderte Text kein großer Hit – aber das wusste der weltweit größte Like-Experte natürlich vorher. Sein eigentliches Ziel scheinen eher die klassischen Medien gewesen zu sein. Mit Erfolg: Das „Handelsblatt“ sprach von einem „sozialen Manifest“, die „New York Times“ fragte vorsichtshalber nach, ob er nicht Präsident werden wolle.

          Zuckerberg verneinte. Wer den Brief gelesen hat, weiß, warum: Er denkt in anderen Dimensionen. „Unsere größten Chancen“, schreibt er, „sind heute global.“ „Der Fortschritt verlangt, dass die Menschheit nicht mehr nur in Städten und Nationen zusammenfindet – sondern in einer Weltgemeinschaft.“

          Tatsächlich ist Facebook mit 1,9 Milliarden aktiven Nutzern pro Monat inzwischen fast sechsmal so groß wie die Vereinigten Staaten. Damit bewegt sich das Netzwerk eher in einer Liga von „global communities“ wie dem Islam (1,6 Milliarden Menschen) oder dem Christentum (2,2 Milliarden). Und dann kommt Zuckerberg zur Sache: „In Zeiten wie diesen gibt es für uns bei Facebook nichts Wichtigeres zu tun, als eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, die den Menschen erlaubt, eine Weltgemeinschaft zu schaffen, die für uns alle funktioniert.“ Ich frage mich, ob der Satz nur zufällig so verschachtelt ist oder ob er etwas verschleiern soll. Jedenfalls bleibt diffus, wer in dieser schönen neuen Weltgemeinschaft das Subjekt und wer das Objekt ist. Geben wir Menschen noch den Ton an? Oder doch eher Facebook? Oder vielleicht die künstliche Superintelligenz, deren Entwicklung er ankündigt?

          „Kirchengemeinden, Sportteams, Gewerkschaften“

          Zuckerberg listet auf, worum Facebook sich in Zukunft alles kümmern möchte. Das ist eine ganze Menge. Lange hatte das Netzwerk sich auf „Freunde“ fokussiert, von denen man allerdings bis zu fünftausend haben konnte. Jetzt geht es um die nächste soziale Ebene: um Gruppen, „ganz gleich ob das nun Kirchengemeinden, Sportteams, Gewerkschaften oder andere lokale Vereine“ sind. Facebook erhebt Anspruch auf das gesamte „soziale Gefüge“, online wie offline, das unserem Leben Sinn, Inhalt und Struktur gibt – bis hinauf zum Staat, den Zuckerberg erst mal ausklammert.

          Erst mal. Im Folgenden ist dann aber viel von traditionell staatlichen Aufgaben die Rede: „Probleme wie Terrorismus, Naturkatastrophen, Seuchen, Flüchtlingskrisen und Klimawandel“ lösen zum Beispiel. Oder Selbstmorde verhindern. Oder verlorene Kinder suchen. Kriegsopfern helfen. Die Wahlbeteiligung steigern. Aber auch: Politikern die Meinung sagen, Demonstrationen organisieren, Revolutionen starten.

          Facebook hat hier ja auch schon einiges vorzuweisen: Es gab tatsächlich Revolutionen, die auf der Seite ihren Anfang genommen haben, etwa in Ägypten. Facebook hat wirklich geholfen, Demonstrationen zu organisieren, Kinder zu finden und Selbstmorde zu verhindern. Es ist, kurz gesagt, unfassbar viel passiert in den kurzen dreizehn Jahren seit der Gründung – und Zuckerberg sammelt fleißig Belege, die zeigen, wo er die Welt schon überall verändert hat, oft sogar zum Guten.

          Fromme Sätze über die Medien

          Wirklich spannend wird es, wenn er auf die Verlagsbranche zu sprechen kommt, genauer: die „news industry“. An dieser Stelle spürt man einen anderen, defensiveren Ton. Es sei so viel von Filterblasen und Fake News die Rede gewesen in letzter Zeit. Besorgniserregend, klar. Schlimmer sei aber doch etwas anderes: Sensationsgier und Polarisierung in den Medien.

          Es folgen ein paar fromme Sätze darüber, wie wichtig eine starke Nachrichtenbranche sei und dass „wir“ mehr tun müssten, um sie nachhaltig zu unterstützen. Wen genau er damit meint, bleibt allerdings unklar. Die „New York Times“ ließ es sich nicht nehmen, die Verhältnisse noch einmal vorzurechnen: Von den 59 Milliarden Dollar, die 2015 in den Vereinigten Staaten für Digitalwerbung ausgegeben wurden, ging über die Hälfte (36 Milliarden) an Facebook und Google. Immer mehr Werbung wandert ins Netz ab, und davon sichern sich Google und Facebook ein immer größeres Stück. Analysten schätzen, dass es inzwischen von jedem neu digital ausgegebenen Dollar 85 Cent sind, die bei Google und Facebook landen. Facebooks verdienter Erfolg hat also einen unzweideutigen Effekt: Er dreht dem Journalismus langsam, aber sicher den Geldhahn zu.

          Das ist natürlich keine Absicht. Trotzdem bringt es uns Verleger in eine Zwickmühle. Um Schritt zu halten, müssen wir uns radikal erneuern und permanent investieren: in neue Technologien, Talente, Inhalte, Formate. Wir tun das gern, und Facebook kann sich das Verdienst anheften, einer vielleicht etwas zu satt gewordenen Medienindustrie Zunder gegeben zu haben. Das Problem ist nur: Die für Investitionen nötigen Mittel konzentrieren sich zunehmend in den Händen weniger, immer größer werdender Unternehmen.

          Keine lauten Überschriften

          Vor diesem Hintergrund wirkt es ein bisschen komisch, wenn Zuckerberg jetzt uns zu einem der Urheber des Problems machen möchte. Natürlich hat nicht er persönlich Hillary Clinton im Wahlkampf unterstellt, sie würde FBI-Agenten ermorden lassen. Das war eine Zeitung namens „Denver Guardian“. Nur gibt es die leider gar nicht: „Denver Guardian“ hieß bloß eine Fake-News-Seite, die es mit derart krudem Klickfang auf Werbegeld abgesehen hatte – und damit bei Facebook sehr erfolgreich war, auch finanziell. Die real existierende „Denver Post“ dagegen, 1892 gegründet und bis heute die größte Zeitung der Stadt, ging 2016 durch die dritte Sparrunde. Journalisten verloren ihren Job, weil es dem Verlag an Werbeeinnahmen fehlte.

          Darum ist es schön und gut, wenn der Facebook-Gründer in seinem Manifest darlegt, wie er sich den Journalismus der Zukunft vorstellt: weniger skandalös, privater, holistischer. Also keine lauten Überschriften, die nicht halten, was sie versprechen. Mehr persönliche Information über den Autor – aus dem Gedanken heraus, dass wir die Meinung von jemandem, dessen Musikgeschmack wir teilen, angeblich nicht so leicht abtun. Und eine größere Bandbreite von Meinungen.

          Aber wer soll das machen? Von Journalisten, also Menschen, ist in dem Brief jedenfalls viel weniger die Rede als von künstlicher Intelligenz. Einmal werden Fact Checker erwähnt, die bei Posts, die als Fake News verdächtigt werden, eine Art Gegendarstellung verfassen könnten. Das war auch der Grund, warum Facebook bei Gruner + Jahr und anderen Verlagen angerufen hatte: ob wir dafür nicht ein paar Redakteure zur Verfügung stellen könnten? Auch Facebook, so schien es da, versteht endlich, dass es sich lohnt, Menschen zu beschäftigen, die Inhalte lesen und verstehen, ihnen auf den Grund gehen und ihre Richtigkeit bewerten können. Mark Zuckerbergs Manifest lässt bei mir daran aber schon wieder Zweifel aufkommen. In der darin skizzierten Zukunft sollen Facebook-Nutzer bald viel genauer einstellen können, was sie sehen wollen – für die Umsetzung sorgt dann künstliche Intelligenz. Ist das nicht nur mehr von dem, was Facebook schon tut? Die nächste Stufe der Filter Bubble? Die uns dann noch perfekter ermöglicht, alles aus unserer Facebook-Realität verschwinden zu lassen, was uns nicht gefällt, uns falsch oder beleidigend vorkommt.

          Jetzt ist Zeit zu handeln

          Mark Zuckerberg hat ein beeindruckendes Unternehmen gegründet. Aber ich persönlich glaube nicht, dass sich alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen auflösen werden, wenn wir einfach aufs Silicon Valley und den technischen Fortschritt vertrauen und ansonsten einfach ein paar Jahre abwarten, wie Zuckerberg empfiehlt. Wenn alle Unternehmen derweil so wenig Steuern zahlen wie Facebook, sind die Nationalstaaten bis dahin nämlich verhungert.

          Darum ist jetzt Zeit zu handeln. Wenn es tatsächlich um die Zukunft der Welt geht, sind ein bisschen Goodwill und schöne Worte nicht genug. Bevor wir ihm unsere gesamte soziale Infrastruktur anvertrauen, muss Facebook ein paar sehr ernsthafte Probleme lösen. Es muss dem Unternehmen gelingen, der Flut von Fake News und rechter Propaganda, von Beleidigungen, Hetze und Gewaltandrohungen Herr zu werden, die es permanent in die digitale Welt spült. Auch Anzeigenkunden wollen mit ihren Produkten nicht neben abgeschlagenen Köpfen stehen. Was wir brauchen, sind echte, wirtschaftlich belastbare Partnerschaften auf Augenhöhe zwischen Facebook und den Medienunternehmen – anstatt galoppierend asymmetrischer Verhältnisse, in denen sich immer mehr Wissen, Macht und Geld in wenigen Gegenden der amerikanischen Westküste konzentriert.

          Das Internet und die sozialen Medien haben die Distanz zwischen uns verringert, zumindest virtuell. Durch sie können wir deutlich schneller und unmittelbarer miteinander in Kontakt treten als früher. Die ganze bekannte Welt erscheint dadurch plötzlich hoffnungslos veraltet: wie wir miteinander kommunizieren, uns informieren, Musik hören, Filme sehen, einkaufen, Politik machen und arbeiten. Das ist eine gewaltige Chance, und ich teile Zuckerbergs Optimismus – grundsätzlich. Aber Vertrauen ist keine Einbahnstraße. In meinen Augen ist es ein Testfall für die neue Weltordnung, wie Facebook tatsächlich mit seinen Problemen umgeht – und mit uns Verlagen und Journalisten. Hier wird sich zeigen, ob es „Mark“ um mehr geht als schöne Worte.

          Um kurz Spiderman zu zitieren: With great power comes great responsibility. Facebook hat von der Digitalisierung weit überdurchschnittlich profitiert. Allein der Börsengang 2012 hat mehr als tausend Millionäre und ein halbes Dutzend Milliardäre hervorgebracht. Es sei ihnen gegönnt, sie haben etwas Großes geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, zu zeigen, ob es auch etwas Gutes ist.

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