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Jugendorganisation der AfD : Jung und gar nicht naiv

  • -Aktualisiert am

Ein Bild aus der jüngsten Kampagne: Die Junge Alternative lässt die Muskeln spielen. Bild: Junge Alternative

Die Alternative für Deutschland hat eine Jugendorganisation. Sie lärmt im Internet gegen Ausländer, Schäuble und die Frauenquote und ist der Partei ein bisschen peinlich. Wer steckt dahinter?

          Aus Zeitgründen treffen wir uns am Flughafen Köln/Bonn, wobei der Mann, Philipp Ritz, Vorsitzender der Jungen Alternative, dem ich da in einem kuscheligen Flughafen-Italiener gegenübersitze, ziemlich exakt so gekleidet ist wie der Flughafen. Dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, schwarze Schuhe, irre viel Gel in den dunklen Haaren, die zackig nach hinten gelegt sind, Tommy-Hilfiger-Parfüm. Man weiß also sofort: Dieser Mann will sich als Mitglied derjenigen ausweisen, die arbeiten und absolut leistungsbereit sind und die ihr erarbeitetes Geld dann in Kleidung investieren, die für Leistungsbereite hergestellt wurde.

          Philipp Ritz, Jahrgang 1981, verdient sein Geld als Konzeptentwickler bei einem Pharmadisponenten. Und weil Deutschland nicht so ist, wie er sich das wünscht, packt er jetzt gewissermaßen mit an und engagiert sich bei der Jungen Alternative, der von der Mutterpartei Alternative für Deutschland nur so halb anerkannten Jugendorganisation. Laut Ritz haben fünf Landesverbände der AfD die Junge Alternative anerkannt, aber weil AfD-Parteichef Lucke und sein Stellvertreter Henkel gegenwärtig ohnehin mächtig damit zu tun haben, ihre wildgewordenen Mitglieder in den Griff zu bekommen, ist man in der AfD-Parteiführung bislang eher zurückhaltend, was die radikalere JA angeht, und möchte zunächst beobachten, wohin die „politische Reise geht“ (AfD-Sprecher Lüth über die Junge Alternative).

          Schäuble eine Gefahr für Deutschland?

          Und das wiederum ist ein bisschen lustig, denn laut Philipp Ritz sind neunzig Prozent der Junge-Alternative-Anhänger ohnehin Mitglieder der AfD. Der Parteivorstand jedoch will auf keinen Fall, dass „die AfD nach rechts abdriftet“ (Henkel), was ein echt knappes Höschen werden könnte, wenn Gründungsmitglieder öffentlich ihre Sympathien für die „Hooligans gegen Salafisten“-Demo bekunden (Tanja Festerling aus Hamburg) und Bezirksverbände aus Nordrhein-Westfalen einen „1. Alternativen Wissenskongress“ planen, bei dem im nächsten Jahr zum Beispiel auch der Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulist Jürgen Elsässer reden soll. Und dann hat die AfD also auch noch die Junge Alternative am Bein, die bei Facebook Dinge veröffentlicht und liked, die nicht zu fassen sind.

          Die AfD-Jugend macht eine etwas schrillere Werbung als die Altvorderen Bilderstrecke

          Kinder, die ähnlich gekleidet sind wie Herr Ritz, sind dort mit Plakaten in der Hand zu sehen, auf denen steht: „Ich bin also eine Schande für Deutschland?“ Das fragt sich zum Beispiel Thorsten, 30 Jahre alt, ehemaliger Offizier (!), BWL-Student. Und mit ihm fragen sich das noch etwa 8500 andere Menschen, denn so viele Likes hat die Facebook-Seite der Jungen Alternative. Die „Ich bin also eine Schande für Deutschland“-Kampagne geht zurück auf Wolfgang Schäuble, der die AfD eine Schande für Deutschland nannte, was die Junge Alternative dazu veranlasste, ihn den gefährlichsten deutschen Politiker seit 1945 zu nennen.

          Guternährte, gutgekleidete Kinder

          Es geht also ziemlich zur Sache bei der Jungen Alternative. (Ritz nennt das ein „freches Auftreten“.) Und ebenso frech beziehungsweise populistisch sind auch die übrigen Schlachtrufe der JA: „Selbstjustiz ist die neue Polizei“, „Schluss mit Kuscheljustiz. Kriminalität härter angehen. Harte Arbeit wartet“ - und dazu sind vier muskulöse Männer mit freiem Oberkörper zu sehen, die wohl die harte Arbeit erledigen sollen. Oder: „Haben Sie auch das Gefühl, dass der deutsche Pass zum Ramschartikel verkommt?“. Außerdem auf der Junge-Alternative-Agenda: der Feminismus, der für die Junge Alternative gleichbedeutend ist mit der Frauenquote. Bei Facebook kann man Fotos junger Frauen ansehen, die Schilder in den Händen halten, auf denen steht, warum sie keine Feministinnen sind. Weil Hausfrau auch ein Beruf sei und weil „ich selbst was in der Birne habe“. Na ja, jedenfalls funktioniert die Strategie, systematisch gegen das anzugehen, was die Junge Alternative die „Political Correctness“ oder „Denkverbote“ nennt, was ja auch dieser Artikel belegt. Interessant sind jedoch nicht allein die komischen Schlachtrufe, sondern die Schlachtrufe in Kombination mit dem sozialen Milieu, aus dem sie kommen. Guternährte, gutgekleidete Kinder, die sich doch nicht im Ernst Sorgen um ihren deutschen Pass machen, hübsche Mädchen mit langen Haaren, die wahrscheinlich bei Zara einkaufen und „InStyle“ und solche Sachen lesen. BWL-Studenten, denen es Spaß macht, auf der Playstation Autorennen zu spielen. Macht Ritz in seiner Freizeit auch gerne. Und deswegen also heute dieses Treffen, wobei die zentrale Frage ist: Was hat er, was ist mit ihm los, warum dieses Geschrei?

          Er spricht leise und ruhig. Auf die Frage hin, was er sonst so mag außer der Jungen Alternative und seinem Pharmadisponenten, entgegnet er also: Autorennen spielen, schnell Auto fahren. Ferner Kinobesuche, da bevorzuge er insbesondere historische Filme, wohingegen er mit Filmen, die total absurd würden, nicht so viel anfangen könne. Der „Baader-Meinhof-Komplex“ sei super gewesen. „Der Untergang“? Na ja, Bruno Ganz habe den Hitler schon toll gespielt. Musik? Die Pet Shop Boys und die Achtziger gefielen ihm. Manchmal sogar Hip-Hop!

          Besser die Straßenseite wechseln

          Der Tisch wackelt, Ritz zählt seine Interessen auf, und es ist, als sei man durch irgendeinen blöden Zufall mit einem Menschen allein und müsse sich nun, da keine peinliche Stille entstehen darf, mit ihm über seine „Hobbys“ unterhalten. Aber man weiß eigentlich genau, dass man über diesen Menschen, der einem natürlich genauso leid tut wie man sich selber leid tut, überhaupt nichts wissen kann. Da ist nur: Nichts. Kein Haken, keine Eigenheit. Das einzige auffällige Merkmal ist eine große Narbe, die an Hals und Händen zu sehen ist. Macht ihn die so ängstlich? (Muss man das Problem hier vielleicht ganz einfach psychologisch erklären?)

          Denn die Sicherheit, die Kriminalität in Deutschland ist eines der Topthemen der Jungen Alternative. Zu viele Verbrechen geschähen, zu wenige würden aufgeklärt, und natürlich ist man da im nächsten Schritt gleich bei den kriminellen Ausländern - und muss es nicht einmal aussprechen, das machen die Leute, die sich davon angesprochen fühlen, schon von ganz alleine. Warum aber sollte sich die beschriebene Junge-Alternative-Klientel in Deutschland bedroht fühlen? Setzen sie möglicherweise einfach den Konservatismus ihrer Eltern fort? Haben sie eine (ja komplett verständliche) diffuse Lebensangst und suchen nach einfachen Antworten? Ist ihnen das Leben zu kompliziert? Finden sie das Gefühl toll, zusammen mit anderen Leuten gegen etwas zu sein?

          Die Narbe, erzählt Philipp Ritz, ist von einem Feuer aus seiner Kindheit. Er war etwa sieben Jahre alt, hat mit Feuer gespielt, und da hat es geknallt. Ob er unter der Narbe je gelitten habe? Nein, könne er so nicht sagen. Okay. Eltern? Sein Vater ist Ingenieur, seine Mutter Apothekerin, und ja, lächelt er, wenn ich wolle, könne ich das eine heile Welt nennen. Also gut, das mit der Kindheit und der Psychologie hat echt keinen Sinn. Reden wir also über seine zentralen Anliegen. Die Sicherheit zunächst. In Neukölln zum Beispiel würden ganz viele Menschen die Straßenseite wechseln, berichtet er. Noch wäre es in Deutschland nicht wie in Rio oder sonst wo, aber er befürchte einfach, dass sich der Wind da irgendwie drehe. Oder, denkt man, er befürchtet es nicht nur, er hofft es vielleicht sogar, damit die Leute endlich mal wissen, was er meint und was hier los ist, in Deutschland. Noch mal: Warum er denn solche Angst habe?, frage ich. Er habe keine Angst, sagt er.

          Philipp Ritz will, dass die Dinge so sind, wie sie sich in seinem Kopf gehören. Er hat erkannt, dass er Menschen für seine Organisation gewinnt, indem er populistisch im Internet rumschreit und wenn sich dann Rechte davon angesprochen fühlen, nimmt er das in Kauf. Mehr ist da nicht. Was natürlich so nicht stimmt. Denn es bedeutet eine ganze Menge. Die Menschen in Deutschland haben Globalisierungsangst und Abstiegsangst, und diese artikuliert sich in Zeiten der Wirtschaftskrise und des IS-Terrors besonders stark, was für Ritz phantastisch ist, der, wohlgenährt, westdeutsch und vollkommen sicher im Flughafen sitzend, den Eindruck macht, als glaube er tatsächlich, was er sagt. Und das ist das Unglaubliche an ihm.

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