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Jugendkriminalität : Im Windkanal der Kuschelpädagogik

Ein Schlagwort der Debatte: das Jugendcamp Bild: AP

Die Diskussion über die Jugendkriminalität ist ein Warnschuss vor einer Debattenkultur, die jedes Thema nur als Anlass zur Absonderung vorgefertigter Stichworten benutzt. Christian Geyer hat das Gerede bis in die absehbare Talkshow-Zukunft verfolgt.

          Für einen Moment, für einen klitzekleinen Moment sah es so aus, als sei alles gesagt. Es war der unheimlichste Moment in dem großen Sagen, das jetzt „Kriminalitätsdebatte“ heißt. Sollte zu ihr wirklich niemand mehr etwas zu sagen haben? War das Thema etwa nicht gut, ja breitmöglichst aufgestellt? Sollte es jetzt, während dieses unheimlichen, quälend langen Moments des Auf-der-Stelle-Tretens, ins Nichts des kommunikativen Beschweigens zurückfallen? Das Thema.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Welches Thema? Das Thema trifft ins Herz aller Dinge, es ist ein Trichterthema, das alles schluckt, was man hineinwirft, und lautet in der amtlichen, bis gestern Nachmittag gültigen Langfassung: „Jugendkriminalität - Schlachten in der Wohnküche - Anstandskatalog - Bildungsoffensive - prügelnde Väter - Parallelwelten der Müllentsorgung - Kuschelpädagogik - Jugendcamps - Warnschussarrest - Schnellschussverbot - mutige vs. feige Staatsanwälte - Jugendliche, die mit gemieteten Autos einen dicken Otto machen, seien sie ausländisch, seien sie deutsch - haben wir ein Erkenntnisproblem? - Abschiebung, konsequente - unsere Sitten und Gebräuche - Erhöhung der Höchststrafe“.

          Als sich niemand mehr fand, der noch etwas in den Trichter werfen wollte, als schon die ersten Stimmen etwas von einer „Rohrkrepierer-Debatte“ murmelten, da hatte der Unionspolitiker Norbert Röttgen ein politisches Einsehen und hielt allen, die zum Thema nichts beitrugen, vor, das Thema zu tabuisieren. Das saß! Wer will an der scharfen, ja schneidend scharfen Kontur eines Themas zweifeln, das die Kraft hat, alle, die nicht mitreden, in die Ecke der Tabuisierer zu stellen? Frau Zypries war eine der Ersten, die darum bemüht waren, aus der Tabu-Ecke herauszukommen; sie sei nicht generell gegen Jugendcamps, sagte sie, nur gegen die amerikanischen. Diese Kombination der vorgegebenen Stichworte war in der Tat neu, alle anderen Kombinationen schienen zum Zeitpunkt der Einlassung der Ministerin schon ausgereizt. Debattenkultur, so führte Zypries vor, ist Fristkultur.

          Hitliste der Argumente

          Wobei, wenn man die argumentative Lage richtig einschätzt, das Votum für einen Warnschussarrest zumeist als konsensuale Basis diente, von der aus eine Abweichung recht eigentlich erst formulierbar wurde. Mit der Aussage „Auch ich bin für einen Warnschuss-Arrest, füge aber hinzu . . .“ wurden bis Freitag Nachmittag im Einzelnen zitiert: Ronald Pofalla (ohne Wenn und Aber), Wolfgang Schäuble (nicht ganz klar, ein Sprecher relativierte), Christian Wulff (fügte hinzu, es gebe mittlerweile Kinder, „die mit dem Wort ,Regel' nichts mehr anfangen können“; darüber werde man sprechen müssen, ebenso darüber, „wie Werte und Tugenden vermittelt werden, wie erzogen wird“; womit auch Roland Kochs „Schlachten in der Wohnküche“ auf dem Tisch lag), Armin Laschet (will ergänzend die Leute offenbar schlachten lassen, wie sie wollen: „Die Frage von Jugendgewalt ist keine ethnische Frage. Jugendliche Gewalttäter haben oft keine Perspektive, keine Bildungs- und Lebenschancen - egal, ob sie Inländer oder Jugendliche aus Zuwandererfamilien sind“), Dietmar Bartsch (fügt hinzu, dass er bei der Müllentsorgung keine Parallelwelten geben dürfe, dass aber ganz generell auch Schnellschüsse zu vermeiden seien - letztere Teilaussage stand in der Hitliste der Argumente bis Freitag auf Platz zwei gleich hinter dem Plädoyer für den Warnschuss-Arrest).

          Kenner der deutschen Debattenkultur fragten an dieser Stelle natürlich nach Christian Pfeiffer. Wo bleibt Pfeiffer? Der Kriminologe, der sonst immer mit von der Partie ist. Die Antwort: Pfeifer war schon da gewesen. Er hatte gesagt: „Je besser die Bildungsintegration, umso günstiger die Kriminalitätsentwicklung.“ Und damit der Ansicht von Oberstaatsanwalt Roman Reusch (ein im „Bild“-Raster „Mutiger“; ist Pfeiffer „feige“? ) widersprochen, der gesagt hatte: „Jugendliche aus solchen (ausländischen Problem-)Familien dazu anzuhalten, zu lernen und zu arbeiten, kommt dem Versuch gleich, Wasser mit einem Sieb aufzufangen.“ Auch Reusch hat deshalb, versteht man ihn richtig, gegen einen Warnschuss-Arrest nichts einzuwenden (allein Pfeiffer zeigt sich hier halsstarrig und kündigt an diesem diesem vergleichsweise harmlosen Punkt den Konsens auf; sofort eröffnet sich ein neuer, hier nicht weiter verfolgbarer Zweig der Debatte: Profiliert sich Pfeiffer wider besseres Wissen?).

          Der kurze Moment des Schweigens

          Ist nun alles gesagt? Was soll die Frage? Jetzt geht es doch erst richtig los! Jetzt, da das Modell „Kriminalitätsdebatte“ die erste Teststrecke im Windkanal hinter sich hat, da es im kontinuierlichen Gebläse geformt und im Luftstrom Kontur gewonnen hat, ist es tauglich für die ersten TV-Runden im neuen Jahr. Die Redaktionen von Anne Will, Maybrit Illner und und und stellen ihre Tableaus der Diskutanten zusammen. Die Schlacht um die Wulffs, Laschets, Pfeiffers, um die mutigen und die feigen Staatsanwälte, um die Jugendcamp-Ausbilder aus Amerika und Hessen ist in vollem Gange. Schon schicken die Sender ihre Pressemitteilungen, aus denen hervorgeht, dass sie begriffen haben, was das Thema der Stunde ist: „Am Montag, dem 7. Januar 2008, empfängt Claus Strunz in der ersten Ausgabe von ,Was erlauben Strunz' nach der Winterpause Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm und die Geschäftsführerein des Streetwork-Vereins ,Gangway e.V.', Elvira Berndt.“

          Unheimlich war der kurze Moment des Schweigens. Unheimlich, weil er das stumme Zentrum einer politischen Debatte war, die Erkenntnis vorspiegelt, wo erkennbar nur Meinung zu allem und jedem ist. Aus welcher Nacht tritt das Expertentum, das nun plötzlich von jedem beansprucht wird? Es ist, als suche eine haltlose Debatte verzweifelt die Form zu gewinnen, die sie durch ihre orgiastischen Wortmeldungen gerade demoliert. Ja, die Themen liegen auf der Straße. Aber wehe dem, der sie in den Windkanal der Diskursmaschine bläst. Wer diesen Wind sät, nimmt in Kauf, einen Sturm der Hetze zu ernten. Ob der Sturm bis zum hessischen Wahltermin durchbläst?

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