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Jugendgewalt in England : Kultur der langen Messer

  • -Aktualisiert am

Kamerabild des mutmaßlichen, jugendlichen Mörders von Rhys Jones aus Liverpool Bild: picture-alliance/ dpa

Während die Debatte um die Prävention und Eindämmung von Jugendkriminalität in Deutschland erst beginnt, hat England schon verschiedene Methoden erprobt, harte und weiche - bisher ohne eindeutige Ergebnisse. Ein Blick über den Kanal ist dennoch lehrreich.

          Im Monty-Python-Film „Der Sinn des Lebens“ brüllt ein Feldwebel die Kompanie an. Den ganzen Tag werde man den Kasernenhof rauf und runter marschieren, es sei denn, einer der Soldaten habe etwas Besseres vor, schreit der Offizier, derweil er steifen Schrittes die Reihe abgeht. Einer erhebt die Hand und gesteht, die Zeit lieber mit Frau und Kindern verbringen zu wollen. Statt außer Rand und Band zu geraten, befreit ihn der Feldwebel vom Marschprogramm und kreischt heiser, ob auch andere andere sich absentieren wollten. Einer will sein Buch lesen, ein anderer möchte Klavier üben. Und, grölt der Feldwebel, die Übrigen wollen wohl ins Kino gehen, woraufhin sich alle davonmachen, so dass der Offizier allein sinnlos auf und ab marschiert, während eine Stimme im alten Dokumentarstil der BBC verkündet, Demokratie und Menschlichkeit seien seit je Markenzeichen des britischen Heeres.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Diese Persiflage auf das Militär wurde Anfang der achtziger Jahre in der Garnison von Colchester gefilmt, wo in einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager das letzte Militärgefängnis unterhalten wird - mit einem Zentrum für die Resozialisierung von straffälligen Mitgliedern der Streitkräfte. Dorthin hat die konservative Regierung Mitte der neunziger Jahre junge Delinquenten von achtzehn bis einundzwanzig Jahren verwiesen, um sie nach amerikanischem Vorbild durch Gehorsam und militärischen Drill auf den rechten Weg zu bringen. Der Plan des damaligen Innenministers Michael Howard war höchst umstritten und wurde wenig später zur Genugtuung derer, die sich als das liberale Gewissen der Nation aufspielen, für gescheitert erklärt.

          Die britische Variante

          Eine 2002 veröffentlichte Studie des Innenministeriums kam zu dem Schluss, dass die Straftäter nach dem harten Regime von Colchester nicht weniger rückfällig wurden und Aggressionen nicht besser im Griff hätten als diejenigen, die an milderen Programmen teilgenommen hätten. Aus dem Kleingedruckten ging jedoch hervor, dass die Wiederverurteilungsrate in den zwei Jahren nach der Entlassung geringer war als bei dem von der Strafvollzugsbehörde betriebenen Erziehungsprogramm für Jugendliche im nordwestenglischen Thorn Cross.

          Dieses wurde als erfolgreicher bewertet, weil das Pensum von sechzehn Stunden am Tag Fürsorge und Resozialisierung genauso berücksichtige wie kriminelles Verhalten und Erziehung. Das Regime von Colchester habe keine „maßgebliche Wirkung“ auf die Wiederverurteilungsrate gehabt, woraus zu schließen sei, dass die aus Drill und Sport bestehenden Elemente des rigorosen Trainingssystems nicht wesentlich seien für den Erfolg. Hingegen wurde das hochintensive Programm von Thorn Cross, das offiziell als „britische Variante“ des Bootcamp-Konzeptes bezeichnet worden ist und jede wache Stunde mit Elternunterricht, Aggressionstherapie, Drogenwarnung, Berufsausbildung und anderen Kursen füllt, der Regierung Blair von Sachbearbeitern des Innenministeriums als Modell für die Umerziehung von jugendlichen Häftlingen nahegelegt.

          Parole „Hug a Hoodie“

          Vor diesem Hintergrund wirkt die deutsche Debatte um die Prävention und Eindämmung von Jugendkriminalität in Großbritannien fast wie ein alter Hut. Trotzdem berührt sie einen empfindlichen Nerv. In diesem noch taufrischen Jahr sind in England bereits drei Teenager erstochen worden, ein weiterer wurde verletzt, und ein anderer schwebt in Lebensgefahr. Allein in London fielen im vergangenen Jahr 27 Jugendliche der Gewalt zum Opfer, siebzehn von ihnen starben durch Messerstiche, acht wurden erschossen, einer wurde zu Tode geprügelt. Messerstechereien, die meist auf das Bandenwesen in innerstädtischen Sozialsiedlungen zurückgeführt werden, sind derart verbreitet, dass der Begriff „knife culture“ gängig geworden ist.

          In der landesweiten Anteilnahme am Tod des elfjährigen Liverpoolers Rhys Jones, der im vergangenen August von einem Jugendlichen erschossen wurde, kristallisierte sich denn auch die Sorge um die eskalierende Gewalt unter Teenagern. Die Statistiken weisen zwar einen Rückgang der Jugendkriminalität aus, die Wahrnehmung aber ist eine andere. Einer Umfrage zufolge meinen Dreiviertel der Bevölkerung, dass die Zahl junger Straffälliger steige. Die Vorfälle werden freilich als Indiz einer tieferen gesellschaftlichen Malaise gesehen, die unlängst von einer linken Denkfabrik bestätigt wurde, als sie britischen Teenagern das schlimmste Verhalten in Europa bescheinigte. Ihr zufolge sind 44 Prozent britischer Jugendlicher in Laufe des Vorjahres an Prügeleien beteiligt gewesen, gegenüber 28 Prozent in Deutschland.

          Die Politik versucht, dem Phänomen mit immer neuen, aber weitgehend ohnmächtigen Parolen Einhalt zu gebieten. „Hart gegen die Kriminalität, hart gegen die Ursache der Kriminalität“, lautete das Motto Blairs, der ausgelacht wurde, als er laut über Störenfriede nachdachte, die von der Polizei zum Bankomat begleitet werden sollten, um an Ort und Stelle Geldstrafen für ihr Fehlverhalten zu entrichten. Auch die von ihm eingeführten, gerichtlich erwirkten Verordnungen gegen asoziales Verhalten, die als „Asbos“ bekannt sind, werden von hartgesottenen Missetätern eher als Ehre denn als Schande betrachtet. David Cameron machte sich wiederum bei seiner Partei unbeliebt, als er kurz nach seiner Wahl zum Oppositionsführer für eine Strategie der „liebevollen Kritik“ gegenüber jungen Straftätern plädierte. Es gelte, die sozialen Ursachen zu verstehen und den in erbärmlichen Verhältnissen aufwachsenden Tätern Hoffnung zu geben. Seine Worte wurden mit der Parole „Hug a Hoodie“ verspottet - in Anspielung auf jene Uniform aus Sweatshirt mit Kapuze, die als Symbol der Jugendkriminalität gilt. Weder die verständnisvolle noch die hart durchgreifende Methode haben sich bisher bewährt.

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