https://www.faz.net/-gqz-u5wl

Jugendgewalt : Das libanesische Problem

Bildung ist kein Wert

Der Clan und die Religion seien bestimmend, die Familien größer als im Libanon - sieben Kinder sind Durchschnitt, fünfzehn keine Seltenheit. Es herrsche eine gewalttätige Erziehung, die man in Europa längst nicht mehr kennt, die aber entscheidend ist, um Vorstellungen von Macht und Respekt auszuprägen. Die Frauen dürfen nicht arbeiten. Das Familienoberhaupt ist Alleinherrscher, so Ghadban, auch wenn nicht er, sondern das Sozialamt die Familien ernährt. Bildung ist kein Wert. Die Mädchen, eher eingebürgert als die Jungen und die Männer, werden meist minderjährig verheiratet, oft mit Verwandten aus dem Libanon, die später hierherziehen. So werden die archaischen Stammesverhältnisse immer wieder hergestellt. Es sind Ehen nach islamischem Recht, die Mädchen, trotz deutscher Schule und offener Gesellschaft, immer wieder repressiver islamischer Sittlichkeit unterwerfen.

Islamistische Vereine haben diese Gemeinschaft längst in der Hand, und die Männer befestigen ihre Herrschaft immer mehr mit dem Islam. In den Koranschulen lernen die Kinder ihre Muttersprache Arabisch und alles, was der Imam für richtig hält. Das Wertesystem wird von der Scharia diktiert, nicht vom Grundgesetz. Man kann zwischen beiden Polen leben, wie gut, sei dahingestellt - die verlorenen Söhne aus der Intensivtäterkartei sind nur ein Beleg von vielen, dass etwas außer Kontrolle geraten ist. Säkulare Projekte, die zum Beispiel die Frauen der arabischen Kurden aufklärten, wurden aus Geldmangel eingestellt. Jugendarbeit, Frauenarbeit - alles kommt heute aus der Moschee. Die schiere Größe der Familien, so Ghadban, mache eine intensive Einzelfallbetreuung auffälliger Kinder durch die Jugendämter fast unmöglich.

Die Ignoranz der Politik

Ghadban setzt aber an den Anfang seiner bitteren Analyse die deutsche Flüchtlingspolitik, die nicht gestalte, sondern verwalte, und die Ignoranz der Politik überhaupt, die diese Entwicklung einfach geschehen ließ. So hätten sich mitten in einer emanzipierten, individualistischen Gesellschaft antiemanzipatorische Inseln gebildet. Ghadban bezweifelt, dass deren Bewohner freiwillig ihre hochgezogenen Brücken herunterlassen werden.

Das stereotype Wiederholen des Satzes „Deutschland ist ein Einwanderungsland“ macht es noch zu keinem. Die Gesetze dienen nur der Kontrolle der illegalen oder aus Kriegsgebieten Zugewanderten. Mit den Gesetzen und Quoten echter Einwanderungsländer ist das nicht zu vergleichen. Und die ethnischen Kolonien, die jedes normale Einwanderungsland kennt, bilden in Deutschland nicht wie üblich Selbsthilfeorganisationen. Diese Aufgabe übernahm der Wohlfahrtsstaat. Er zahlt die Mieten, die Sozialhilfe, das Kindergeld und die Krankenversicherung und versetzt die Eingewanderten in die Lage, bescheiden zu leben, ohne Kontakt zu den verachteten Deutschen.

Beschimpft und verprügelt

Die Eskalation von Jugendgewalt gerade aus dieser Migrantengruppe wird zwar wahrgenommen, aber niemand trete diesem Hass auf Ungläubige und den immer häufigeren aggressiven Übergriffen so entgegen, wie man es sonst bei Diskriminierung oder Rassismus tut. Das, sagt Ghadban, verfestigt diese Parallelgesellschaft noch einmal. Integrationsdefizite werden von ihr mit einem Überlegenheitsgefühl, das sich aus dem Islam speist, gerechtfertigt.

Wenn man die Sippenverhältnisse nicht aufbreche, werde sich nichts ändern. Sozialarbeit im herkömmlichen Sinne sei hier längst an ihre Grenzen gestoßen. Es könne nicht sein, dass Tausende Kinder Angst haben, zur Schule zu gehen, weil sie „abgezogen“ werden könnten, beschimpft, verprügelt. Die Gewalttäter müssen aus ihrem Milieu geholt, Erwachsene zur Arbeit verpflichtet werden; sie sollen wie jeder Bürger selbst für den Lebensunterhalt sorgen. Gelingt es, die Schulen zu stärken, könnten Familien nicht länger gegen sie arbeiten: Ghadban fordert Ganztagsschulen und ein Verbot, emanzipatorische Erziehungskonzepte im Namen der Religion zu unterlaufen.

Weitere Themen

Flucht nach Afrika

Ein Syrer in Ghana : Flucht nach Afrika

Mahmoud ist vor dem Krieg in Syrien geflohen – jedoch nicht nach Europa, sondern nach Ghana. Wie es ist, sich dort ein neues Leben aufzubauen.

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Der Europarat in Straßburg

Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.

FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.