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Jugendamt und Sorgerecht : Warum ohne seine Tochter?

Karlsruhe steigt angesichts solch bigotter Maßstäbe ins Mikromilieu der Vater-Kind-Beziehung ein, um die Beobachtungen des Gutachtens als haltlos und nicht einschlägig abzuweisen. So heißt es etwa zum Vorwurf der Empathielosigkeit, wie sie die Sachverständige während der begrenzten Zeiten des begleiteten Umgangs des Vaters mit seiner Tochter bemerkt haben will: „Aus den Umgangskontakten werden nur Schwierigkeiten beschrieben, die sich ohne weiteres mit der durch die Fremdunterbringung verursachten Unerfahrenheit des Beschwerdeführers erklären lassen. Das gilt für die von der Sachverständigen beobachtete - und als Ausdruck mangelnder Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse bewertete - Situation, dass der Beschwerdeführer das Baby gewickelt habe, obwohl die Pflegemutter erkannt hatte, dass das nicht nötig war.“ Am Ende wird die Sachverständige der Inkompetenz und Voreingenommenheit überführt.

Elternschaft ohne staatliches Zertifikat

Entscheidend ist in den Karlsruher Ausführungen aber immer wieder die Formel „dessen ungeachtet kann ohnehin nicht“, mit der die Richter die Proportionen zurechtrücken. Das bedeutet: Selbst wenn dem Vater mangelnde Empathie vorgehalten werden könne, selbst wenn sein Vorbildcharakter in puncto Werte- und Rechtsordnung nicht fehlerfrei erwiesen ist - selbst dann bliebe er der Vater seiner Tochter, die nicht von ihm getrennt werden dürfe. „Dessen ungeachtet“, so wird denn auch festgestellt (also ungeachtet dessen, dass dem Vater im konkreten Fall gar nichts Negatives nachweisbar ist), würde „ein geringes Maß an elterlicher Feinfühligkeit ohnehin nicht ohne Weiteres zu einer nachhaltigen, die Trennung rechtfertigenden Gefährdung des Kindeswohls führen“.

Denn umgekehrt wird ein Schuh daraus: Eltern müssen ihre Erziehungsfähigkeit „nicht positiv unter Beweis stellen“; vielmehr setzt eine behördliche Wegnahme ihrer Kinder „umgekehrt voraus, dass ein das Kind gravierend schädigendes Erziehungsversagen mit hinreichender Gewissheit feststeht“. Das also, die Klärung der Beweislastverteilung, ist der springende Punkt, wenn in dieser wegweisenden Entscheidung voller gesellschaftspolitischer Implikationen das Elternrecht gestärkt wird. Eltern haben qua Elternschaft eine verfassungsrechtlich geschützte, primäre Erziehungszuständigkeit und brauchen dafür kein staatliches Zertifikat. Soll davon dispensiert werden, so gelten allerstrengste Begründungs- und Darlegungspflichten. Die Eltern, so bekräftigt es Karlsruhe, „können grundsätzlich frei von staatlichen Eingriffen nach eigenen Vorstellungen darüber entscheiden, wie sie die Pflege und Erziehung ihrer Kinder gestalten und damit ihrer Elternverantwortung gerecht werden wollen“. Es gehört nicht zur Ausübung des staatlichen Wächteramtes, „gegen den Willen der Eltern für eine bestmögliche Förderung der Fähigkeiten des Kindes zu sorgen“.

Mit anderen Worten: Eltern sind Schicksal und Lebensrisiko ihrer Kinder - und sollen es bleiben. Das ist in Zeiten des erzieherischen Enhancement-Wahns ein höchstrichterliches Plädoyer für Tiefenentspannung. Man kann dafür nur dankbar sein.

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