https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/juergen-habermas-aeussert-sich-zum-ukraine-krieg-17993997.html
Bildbeschreibung einblenden

Habermas zum Ukrainekrieg : Sollen wir Putin um Erlaubnis fragen?

Jürgen Habermas im August 2020 bei der Verleihung des Georg-August-Zinn-Preises Bild: Frank Röth

Der Chef-Kritiker der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit sieht seine Felle davonschwimmen: Jürgen Habermas verteidigt den Bundeskanzler und rutscht in die Untiefen der Jugendbeschimpfung ab.

          5 Min.

          Ein alter Krieger erinnert sich. An „wilde Spekulationen“ der Leitmedien zur Zeit der Blockmächte. An die postheroische Haltung Westeuropas, die sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem atomaren Schutzschirm der Vereinigten Staaten gebildet habe. An „kulturelle Selbstverständlichkeiten“, die ihm noch immer selbstverständlich erscheinen, aber heute offenbar von einer jüngeren Generation nicht mehr akzeptiert werden. Vor allem die mühsam errungene pazifistische Nachkriegsmentalität der Deutschen sieht er in Gefahr. Die Überzeugung, dass Kriege gegen eine atomare Macht sowieso nicht gewonnen werden können und man daher all seine Hoffnungen nur auf Kompromisse und Annäherungsversuche setzen darf.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Chef-Kritiker der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit sieht seine Felle davonschwimmen. Alles, was Jürgen Habermas Zeit seines Lebens als politischer Kommentator erreicht zu haben meint, löst sich in diesen Tagen auf. Im Angesicht des russischen Angriffskrieges siegt das emphatische Gefühl gegen die kalkulierende Rationalität, weicht die erinnerungspolitisch begründete Skepsis gegenüber Pathos und Gemeinschaft vor dem aufgewühlten Ausdruck von Verteidigungspflicht und Bündnistreue. Selbst der nüchterne Bundeskanzler ruft inzwischen zum „Patriotismus“ auf. Das hat Habermas willentlich überhört, wenn er jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“ zu einer akklamatorischen Verteidigung des deutschen Regierungschefs ansetzt. Das, was im „schrillen, von der Presse geschürten Meinungskampf“ untergehe, sei die Hochachtung vor einer reflektierten Kanzlernatur, die auf eine „sachlich umfassend informierte Abwägung“ bestehe, so der hochbetagte Soziologe und Philosoph, der in Scholz einen späten Schüler zu erkennen scheint.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Leben in der Blase: Putin bei einem Treffen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit am Montag im Kreml

          Russische Geheimdienste : Putins fatale Echokammer

          „Mariupol in drei Tagen einnehmen, Kiew in fünf“: Eine Recherche zeichnet nach, wie groß in Russlands Geheimdiensten die Wut ist – auf jene Kollegen, die Putin mit gefälligen Informationen in den Ukrainekrieg ziehen ließen.

          F.A.Z. exklusiv : So will die Ampel den Bundestag verkleinern

          736 Abgeordnete hat der Bundestag, 138 mehr als vorgesehen. Doch Überhangmandate verzerren den Wählerwillen, sagen die Obleute von SPD, FDP und Grünen. In diesem Gastbeitrag legen sie dar, wie die Ampel das Wahlrecht ändern will.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch