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Jüdisches Museum im Zwielicht : Haus ohne Haltung

Ein Symbol der deutschen Verbundenheit mit Israel und der jüdischen Kultur: Daniel Libeskinds Neubau für die Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin Bild: dpa

Mit einem missverständlichen Twitter-Beitrag ist das Jüdische Museum Berlin in die Kritik geraten. Der Direktor Peter Schäfer will davon nichts gewusst haben. Es ist nicht die erste Panne seiner Amtszeit.

          Das Jüdische Museum Berlin (JMB) ist eine Stiftung öffentlichen Rechts unter der Kontrolle des Bundes. Im Stiftungsrat, der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters geleitet wird, sitzen zwei weitere Mitglieder des Bundestages, zwei ehemalige Staatsminister und der Berliner Kultursenator. Jede Debatte über die Leistungen und die Pannen des Museums muss diese institutionelle Struktur im Blick behalten. Das Jüdische Museum bleibt eine Einrichtung und ein Sprachrohr der deutschen Politik, ganz gleich, welche Freiheiten es sich in einzelnen Fragen nimmt. Form follows function, das gilt auch beim JMB.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit 2014 wird das Museum von Peter Schäfer geleitet, dem Nachfolger des Gründungsdirektors Michael Blumenthal. Schäfer, Jahrgang 1943, ist ein international anerkannter, vielfach ausgezeichneter Judaist. Gleichwohl spricht manches dafür, dass er kein idealer Museumsleiter ist. In Personalfragen hat Schäfer anscheinend keine glückliche Hand. Anfang 2017 kam die Historikern Léontine Meijer-van Mensch ans Jüdische Museum, um als Programmdirektorin die neue Dauerausstellung im Libeskind-Bau zu kuratieren. Anderthalb Jahre später verließ sie das Haus wieder, offenbar, wie man hört, weil Schäfer sie bei internen Konflikten nicht unterstützte. Jetzt wird die Dauerausstellung, die im Mai 2020 eröffnen soll, von ihrer pensionierten Vorgängerin Cilly Kugelmann kuratiert.

          Ein Foto mit dem Gast aus Iran

          Erste grundsätzliche Kritik an Schäfers Museumspolitik wurde laut, als er im Juli vergangenen Jahres den palästinensischen Friedensforscher Sa’ed Atshan zu einem Vortrag ein- und wieder auslud. Atshan sollte im Rahmenprogramm der Jerusalem-Ausstellung des Museums über den Lebensalltag homosexueller Palästinenser in Ostjerusalem sprechen. Der Botschafter Israels protestierte gegen den Referenten, weil dieser mit der antiisraelischen Boykottbewegung BDS „eng verquickt“ sei. Schäfers begründete die Ausladung mit technischen Problemen. Der Vortrag fand an einem anderen Ort statt.

          Anfang März dieses Jahres führte Peter Schäfer dann den Kulturrat der Republik Iran, Seyed Ali Moujani, durch sein Museum. Die Begegnung zwischen beiden Männern wurde auf der Website der iranischen Botschaft breit dokumentiert. Dabei gab Schäfer zu Protokoll, die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus müsse „unter die Lupe genommen“ werden, und posierte mit Moujani vor der Kamera. Ein paar Tage später wurden das Foto und der Gesprächstext auf Bitten des Jüdischen Museums von der BotschaftsWebsite entfernt. Auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage der AfD antwortete die Kulturstaatsministerin, das Zitat von Schäfer sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

          Fehlende Anführungszeichen im Retweet

          Am Dienstag hat nun der Zentralrat der Juden in Deutschland die Beziehungen zu Schäfer abgebrochen. Die Museumsleitung habe das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft verspielt, erklärte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats, per Twitter. Fünf Tage zuvor hatte das Jüdische Museum einen Artikel aus der „taz“ retweetet, also empfohlen, der über eine Initiative von 240 israelischen und jüdischen Wissenschaftlern gegen den Bundestagsbeschluss vom 17. Mai zum BDS berichtete. Der Bundestag hatte die Boykottbewegung als antisemitisch verurteilt. Das Museum twitterte unter dem Hashtag „#mustread“, der Beschluss helfe „im Kampf gegen Antisemitismus nicht weiter“. Die Anführungszeichen, die sonst bei Retweets üblich sind, fehlen.

          Peter Schäfer hat auf die Kritik an der Haltung seines Hauses mit der Geste des Pontius Pilatus reagiert. Im Gespräch mit „Spiegel online“ erklärte er, man hätte den Anfangssatz der Kurzmitteilung in den Konjunktiv setzen müssen: „Wenn ich den Tweet vorher gesehen hätte, hätte ich allein schon darauf hingewiesen.“ Die Vorstellung, dass der Museumsdirektor nicht weiß, was sein Museum twittert, ist gespenstisch. Noch gespenstischer ist, was Schäfer jetzt über seine Plauderstunde mit dem iranischen Kulturattaché sagt: „Da war ich vielleicht ein wenig naiv.“ Es gibt Naivitäten, die sich ein Mann in Schäfers Stellung leisten kann. Das Hofieren des Repräsentanten eines Staates, der das Existenzrecht Israels leugnet, gehört nicht dazu.

          Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin kann vieles sein: Gelehrter, Moderator, Gastgeber, Krisenmanager. Vor allem aber ist er ein Repräsentant. Er repräsentiert die Haltung Deutschlands zum Judentum und zum Staat Israel. In dieser Funktion hat Peter Schäfer versagt – nicht, weil er sie in einzelnen Fällen falsch ausgeübt, sondern weil er sie weder begriffen noch akzeptiert hat. Vor wenigen Wochen wurde Schäfers Vertrag bis September 2020 verlängert. Monika Grütters wollte in Ruhe nach einem Nachfolger suchen. Aber die Ruhe ist dahin. Jetzt wird es Zeit, daraus die kulturpolitischen Konsequenzen zu ziehen.

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