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Jüdischer Antisemitismus : Kurzer Lehrgang über den Selbsthass

  • -Aktualisiert am

Arno Lustiger Bild: privat

Juden wie Evelyn Hecht-Galinski und Alfred Grosser, die ihre eigenen chronischen Identitätsprobleme auf andere Juden projizieren, gibt es nicht erst seit der Gründung des Staates Israel: Arno Lustiger über die Geschichte des jüdischen Selbsthasses.

          Die Judenfeindschaft ist so alt wie die jüdische Diaspora, mehr als zweitausend Jahre. Schon um das Jahr 100 nach Christus widerlegte der jüdisch-römische Historiker Josephus Flavius eindrucksvoll die kruden judenfeindlichen Ergüsse des alexandrinischen Schriftstellers Apion, eines antiken Julius Streicher. Apions römischer Zeitgenosse Plinius der Jüngere bezeichnete ihn als „mendax et delator“ – Lügner und Angeber.

          Schon immer waren Judenfeinde sehr flexibel in der Auswahl ihrer Argumente, die sie ständig den Umständen und dem jeweiligen Zeitgeist anpassten. Es gab und gibt den rassistischen, links- und rechtsgerichteten, kirchlichen, islamischen und den mörderischen, eliminatorischen Antisemitismus, der Millionen von Juden das Leben kostete.

          Der kollektive Jude Israel

          Da nach dem Holocaust offener Antisemitismus kurzfristig nicht mehr opportun war, versteckt er sich heute hinter der Maske des Antizionismus. Jean Améry betrachtete den elitären Antizionismus der Linken als banalen Antisemitismus. In einer Rede im Jahre 1969 schleuderte Jean Améry seinen linken Gesinnungsgenossen den Satz entgegen: „Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.“ Einige Jahre später beging der ehemalige KZ-Häftling Selbstmord.

          Alfred Grosser klagte Lustiger offen in einem Artikel an

          Der bekannte Literaturhistoriker und engagierte Linke Hans Mayer schrieb in dem 1975 erschienenen Buch „Außenseiter“, das als sein Hauptwerk betrachtet wird: „Wer den ,Zionismus‘ angreift, aber beileibe nichts gegen ,die Juden‘ sagen möchte, macht sich und anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“

          Jüngst stilisierten die Medien, manche Politiker und sogar Geistliche Israel zum kollektiven Juden. Norbert Blüm, die Bischöfe Gregor Maria Hanke und Walter Mixa verglichen den um sein Überleben kämpfenden Staat Israel mit dem verbrecherischen Naziregime und die Palästinensergebiete mit Ghettos.

          Das Jude-Sein als Makel

          Das Wortpaar „selbst“ und „Hass“ ist eine contradictio in adiecto, denn warum soll man sich selbst hassen, wenn die anderen es sowieso tun? Trotzdem schmerzt uns Juden der jüdische Selbsthass am meisten. Die als Juden geborenen christlichen Konvertiten, wie Pablo Christiani, Nicholas Donin und Johannes Pfeferkorn, begründeten schon im Mittelalter die Judenverfolgungen der Kirche als Kronzeugen gegen die Juden. Karl Marx verfasste im Alter von fünfundzwanzig Jahren die antisemitische Schrift „Zur Judenfrage“. Der russisch-jüdische Apostat Jakow Brafman war Autor des antisemitischen Machwerks von 1869 „Das Buch vom Kahal“.

          Arnold Zweig schrieb 1927, dass der jüdische Selbsthass eine Form der Ich-Entwertung und Verneinung des eigenen Wesens sei. Der Kulturphilosoph Theodor Lessing, der vor fünfundsiebzig Jahren von bezahlten Nazi-Killern in Marienbad ermordet wurde, verfasste das Buch „Der jüdische Selbsthass“, den er als psychopathologisches Problem definierte. Er schilderte die Leidensgeschichte von Juden, die das Fremde mehr liebten als sich selbst, die das Jude-Sein als Makel und Belastung betrachteten, weil sie die christlich-antijüdischen Stereotype übernahmen und daran zugrunde gingen. Es waren Juden wie Arthur Trebitsch und Maximilian Harden, Paul Rée, Max Steiner, Walter Calé und Otto Weininger. Sie hielten diese Spannung nicht aus und begingen Selbstmord.

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