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Jüdischer Antisemitismus : Kurzer Lehrgang über den Selbsthass

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Für den getauften Wiener Juden Karl Kraus galt das Judentum als Inbegriff alles Negativen der modernen Zivilisation. In seiner Zeitschrift „Die Fackel“ kam der Antisemit, esoterische Spinner und Rassentheoretiker Jörg Lanz von Liebenfels oft zu Wort, von welchem Hitler seine verqueren rassistisch-nationalistischen Ideen und auch das Hakenkreuz-Symbol geklaut hat. Kein Wunder, dass dem witzlosen Witzbold Kraus nach 1933 zu Herrn Hitler „nichts einfallen“ konnte.

Die ideale Projektionsfläche für jüdische Selbsthasser

Hugo von Hofmansthal versuchte seine Abstammung vom Hoffaktor Isaak Löw Hofmann zu kaschieren. Auch das Leben des gefeierten Theaterkritikers, Essayisten und Autors der dreibändigen „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von 1927 Egon Friedell (eigentlich Friedmann) war von jüdischem Selbsthass geprägt. Nach 1933 erfand er eine eigene Rassentheorie, nach welcher er Arier wäre. Er wollte sich mit den Nazis arrangieren, was jedoch misslang. Als er im März 1938 in Wien verhaftet werden sollte, sprang er aus dem Fenster in den Tod.

1986 erschien das Standardwerk von Sander L. Gilman „Jewish Self-Hatred“ über das Selbstverständnis von Juden, die alles Jüdische und die jeweiligen Aspirationen des jüdischen Volkes bekämpften und hassten, sei es Religion, Emanzipation oder Zionismus. 1993 kam das Werk auch im „Jüdischen Verlag“ heraus.

Für die heutigen jüdischen Selbsthasser stellt der Staat Israel die ideale Projektionsfläche für ihre Probleme dar. Zu den virulentesten jüdischen Selbsthassern gehört der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky. Zu ihnen zählt auch Moshe Menuhin, Vater von Yehudi Menuhin, der als ständiger Autor für die „National-Zeitung“ schrieb. Gerard Menuhin, Yehudis Sohn, perpetuierte die rechtslastige Veranlagung seines Großvaters und war Autor einer Kolumne „Menuhin und wie er die Welt sieht“, auch in der „National-Zeitung“.

Henryk M. Broder deutet den Antisemitismus nicht als Vorurteil

Der Dissident und langjährige GULag-Häftling Anatoli Scharanski definierte den Antisemitismus wie folgt: „doppelte Moral gegenüber Israel, dem jüdischen Volk oder dem einzelnen Juden, Dämonisierung und Delegitimierung Israels“. In dem von Klaus Faber, Julius Schoeps und Sacha Stawski herausgegebenen Sammelband „Neu-alter Judenhass“ haben sich unlängst einunddreißig Autoren ganz unterschiedlicher Orientierung geäußert. Es sind Juden und Nichtjuden, Wissenschaftler, Politiker und andere im Kampf gegen den Antisemitismus Engagierte, die zu verschiedenen Aspekten des neu-alten Judenhasses Stellung beziehen: deutsche Medien und Nahost-Konflikt, islamischer Antisemitismus und Handlungsbedarf in der Politik.

In einem Brief, der allen Bundestagsabgeordneten zusammen mit einem Buchexemplar zuging, schlug ich eine jährliche Anhörung im Bundestag zum Thema Antisemitismus vor. In der ersten Anhörung am 17. Juni dieses Jahres führte Henryk M. Broder aus, dass man es beim Antisemitismus nicht mit einem Vorurteil, sondern mit einem Ressentiment zu tun habe. Ein Vorurteil zielt auf das Verhalten eines Menschen, ein Ressentiment auf dessen Existenz. Der Antisemit nimmt dem Juden nicht übel, wie er ist und was er tut, sondern dass er existiert.

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