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Judenhass in Frankreich : Die Täter machen es wie die Nazis

Am 20. März 2012 herrschten an der Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse Trauer und Fassungslosigkeit. An diesem Tag wurden die Leichen von drei Schülerinnen und eines Lehrers überführt, die der Islamist Mohamed Merah mit Kopfschüssen ermordet hatte. Ihre letzte Ruhe fanden die Opfer in Israel. In Frankreich scheint das vergessen. Bild: AFP

Verbrechen an Juden werden totgeschwiegen – und in der Banlieue grassiert der islamische Antisemitismus: Die feministische Philosophin Elisabeth Badinter klagt Frankreichs Medien und Politik an.

          „Eine 65 Jahre alte Frau wurde gefoltert, aus dem Fenster geworfen, der Täter wusste, dass sie Jüdin war und schrie, er wolle sein Volk rächen.“ Eine Stunde hatte der Mörder Sarah Halimi gequält, es geschah im April dieses Jahres in Paris: „Zwei Monate lang wurde nur in den jüdischen Medien darüber berichtet. In den Zeitungen gab es keine Recherchen und keine Reportagen, niemand hat die Nachbarn befragt, welche die Rufe ‚Allahu Akbar‘ gehört hatten.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          So beschreibt Elisabeth Badinter das barbarische Verbrechen, das Schweigen der Medien wie der Politiker darüber haben sie gleichermaßen erschüttert. Die Philosophin und Feministen, deren Bücher „Die Mutterliebe“ und „Ich bin Du“ weltweit Bestseller waren, hat im Nachrichtenmagazin „L’Express“ einen Aufruf zum Kampf gegen den Antisemitismus in Frankreich veröffentlicht. „Das Attentat im jüdischen Supermarkt ‚Hyper Cacher‘“, ergänzt sie im Gespräch mit dieser Zeitung, das 2015 im Zusammenhang mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ verübt wurde, „ist im Begriff, aus der kollektiven Erinnerung zu verschwinden.“

          In ihrem Appell zitiert Elisabeth Badinter eine Stelle aus der TV-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, die Arte und der WDR klammheimlich aus dem Programm genommen hatten und erst nach scharfer Kritik (und dann in entstellter Form) zeigten. Der Bürgermeister von Sarcelles beschreibt eindringlich die Angst der jüdischen Gemeinde und seiner Mitbürger, deren Sicherheit er nicht garantieren könne. „Beängstigend“ nennt Badinter den Versuch der Sender, den Bericht über den Antisemitismus in den französischen Banlieues und in Palästina zu unterdrücken.

          Sie klagt Politiker und Medien an: Elisabeth Badinter.

          Der islamistische Terror in Frankreich hat nicht mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ begonnen. Vor fünf Jahren ermordete Mohammed Merah in Toulouse gezielt jüdische Kinder – auch sie sind aus der öffentlichen Gedächtnis verschwunden. „Die Bilder aus dem Bataclan und aus Nizza verfolgen uns“, sagt Elisabeth Badinter: „Wir haben den Priester, dem die Kehle durchgeschnitten wurde, im Kopf. Die erschossenen Journalisten. Doch wer erinnert sich der Kinder in der jüdischen Schule? Merah machte es wie die Nazis, er zerrte ein siebenjähriges Mädchen an den Haaren und schoss ihm eine Kugel in den Kopf. Warum dringt dieses Bild nicht genauso in unser Bewusstsein?“

          Anlässlich der Gedenkveranstaltungen zum ersten Jahrestag des im Juli 2016 verübten Attentats von Nizza sagte eine Ministerin, dieses sei ganz besonders schrecklich gewesen, weil erstmals Kinder getötet wurden. Erstmals Kinder, fragt Elisabeth Badinter: „Pardon – Sie hat die drei jüdischen Schüler vergessen.“ Sie zitiert eine Petition islamischer Intellektueller: „Der Text war sehr gut. Aber zum Einstieg gab es eine lange Liste der Opfer: Karikaturisten, Jugendliche, ein Polizisten-Ehepaar, ein Priester, der die Messe las – kein Wort zu den Juden, die Merah meuchelte und denen, die im ‚Hyper Cacher‘ ums Leben kamen.“

          „Je suis Charlie“ – ohne die Juden? Elisabeth Badinter verweist auf die provencalische Kleinstadt Carpentras, in der 1990 der jüdische Friedhof geschändet wurde. Skinheads gruben Leichen aus und pfählten sie. Etwas leichtfertig wurden Jean-Marie Le Pen und der Front National dafür verantwortlich gemacht. 200.000 Franzosen gingen auf die Straße, an ihrer Spitze Präsident Mitterrand. „Es war ein durch und durch antisemitisches Verbrechen“, sagt Elisabeth Badinter. „Weil man den Front National für schuldig hielt, protestierte die Linke geschlossen – vielleicht mehr gegen Le Pen als gegen den Antisemitismus.“

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